Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 16
Die Freilegung dieser Stele, dieses Sockels nahm vier volle Tage in Anspruch, wobei nur in einem Umkreis von einem knappen Meter die Umgrabung durchgeführt wurde. Dies entspricht der üblichen Vorgangsweise bei der Freilegung von Säulen, Sockeln und Mauerresten und dient zum Einen dem Schutz des umgebenden Geländes und zum Zweiten dem Erhalt des Ausgrabungsobjektes in seiner derzeitigen Fundstruktur, da prinzipiell bei jeder Grabung und Freilegung mit Überraschungen und auch grabungstechnischen Problemen zu rechnen ist. Besonders in einem meteorologisch derart instabilen Umfeld wie es die inneralpine Region Nordtirols darstellt – so ist selten bis kaum mit einer länger anhaltenden Trockenperiode in den Sommermonaten zu rechnen, im Gegenteil diese Monate sind die mit Abstand niederschlagsreichsten des gesamten Jahresablaufs – muss ständig mit einer Grabungserschwernis oder gar Durchfeuchtung bis Ausschwemmung der Funde durch kurzfristig eintretende Regenschauer und/oder länger andauernde Schlechtwetterperioden (von mehreren Tagen bis zu mehreren Wochen) gerechnet werden. Hierbei stellt natürlich die Erhaltung von gemauerten Strukturen und speziell die Bewahrung von Trockenmauerungen eine grosse Herausforderung an das jeweilige Grabungsteam.
Unmittelbar nach der Fundung der plattenförmigen Deckschicht wurde dieser geländeabschnitt im Detail kartographisch vermessen und planzeichnerisch erfasst, ehe dieser Abschnitt unter den Schutz eines Zeltes gestellt wurde, um dergestalt im Trockenen mit den Grabungen weiterfahren zu können. Frau Mag. Clara van Stockerlen und Frau Mag. Madleine Faucier übernahmen die Leitung dieses Grabungsabschnittes und koordinierten die dafür erforderlichen Schritte. Noch am Abend des 21. Juni stellte sich heraus, dass diese Fundung nicht schichtspezifisch einer Oberflächenverortung entspricht, sondern vielmehr eine klare Fundamentierung bis in frostsichere Tiefen aufweist. Am 22.Juni wurde mit den Umgrabungen systematisch begonnen und im Geviert von 2,6 m mal 2,6 m ein Freilegungsgraben bis zu einer Tiefe von 30 cm ausgehoben. Dabei wurde auch das abgeschrägte Sims mit einer Erweiterungskante von 6 cm freigelegt und der ab diesem Sims in die Tiefe reichende Trockenmauersockel erstmalig sichtbar. Das ausgegrabene Material – grösstenteile lose Schotter, dem Gerinne der Fagge zuordenbar, vermischt mit Mergeln und Lehmen, wurde am provisorisch am Parkplatz angelegten Untersuchungsbereich sofort dreifach durchsiebt, um etwaige relevant erscheinende Fundstücke zu bergen. Diese standardmässige Durchsicht des Grabungsmaterials erbrachte jedoch keinerlei arteologisch spezifische Ergebnisse.
Die Wettersituation erlaubte es, mit seitwärts hochgerollten und festgezurrten Zeltplanen zu arbeiten, sodass zu dieser Zeit das Grabungszelt einzig als Sonnenschutz fungierte und zudem den Aushub und Abtransport des Grabungsmaterials zur ersten Sichtung von allen vier Seiten wesentlich erleichterte.
Wie bei allen Erstfundungen einer Expedition verursachte auch hier das Auffinden einer ersten relevant erscheinenden Entdeckung grosse Freude und Aufregung bei allen ExpeditionsteilnehmerInnen und natürlich ganz besonders bei den einheimischen Grabungskräften. Dr. Arkadasch nützte deshalb sofort die Zeit nach der Mittagspause um vor Ort sämtliche eingeborenen Grabungskräfte zusammen zu rufen um ihnen nochmals eindringlich und praxisnahe die arteologische Vorgangsweise bei der Freilegung und Bergung von Fundungen näher zu bringen. Über genau festgelegte Bewegungszonen, welche mit Hilfe von Absperrungsbändern ausgewiesen sind, veranschaulichte er den genauen Ablauf Grabungstätigkeiten und verwies besonders auf die sorgsame, schichtweise Abtragung mittels Pinsel und Kellen um jedwede Zerstörung durch manuelle Freilegung tunlichst schon im Ansatz vermeiden zu können. Gerade an schwerere körperliche Arbeiten gewohnte Hilfskräfte neigen gerne dazu mittels Krampen und langstieligen Schaufeln ihren Erfolg an der Kubatur des umgesetzten Materials zu messen und nicht an der Sorgsamkeit einer geduldigen Freilegung von relevanten Strukturen. Immer wieder musste und muss vom Fachpersonal der Grabungseifer der eingeborenen Hilfskräfte richtig fokussiert werden, auch wenn dies manchmal – besonders in Zeiten langanhaltender und Geduld erfordernder fundloser Grabungsarbeit – zu Unverständnis und nachlassender Leistungsbereitschaft führen kann. Hier ist die ständige Kontrolle und empathische Motivation durch das wissenschaftlich geschulte Personal gefordert.