Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 17

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 17

Die Pölzungen an der Stele (Nische) wurden ab einer Grabungstiefe von 35 cm im Stollenvortriebssystem der Mineure angelegt: das heisst es wurde jeweils mit überlappenden Brettern aus Lärchenholz ein schuppenartiges Teilkorsett entlang der senkrechten Grabungslinie auf allen vier Seiten angelegt und an der gegenüberliegenden Grabenwand mittels Kanthölzern und Keilen verspreizt. Dies bedingt zwar eine Erschwerung der Grabungsarbeit als solches, da sowohl der Aktionsradius der arbeitenden Hilfskräfte, welche sich im Graben direkt vor Ort befinden stark eingeschränkt ist, als auch die Ausbringung des Aushubmaterials aus der Grube selbst an den äusseren Grabenrand extrem erschwert wird, da sowohl auf die Arbeitskräfte in der Grabung selbst, als auch auf die Pölzungen zu achten ist. Andererseits wird dadurch die systematisch richtige Grabungstechnik wie von selbst angewandt, da an freies Arbeiten mit Krampe und Schaufel, spätestens ab einer Grabungstiefe von 60 cm nicht mehr zu denken ist. Vielmehr werden Unkrautharken für den Handgebrauch, Kehrwische, Pinsel und Maurerkellen zum bevorzugten Werkzeug, da alles langstielige Gerät unanwendbar wird.

Es dauerte insgesamt vier volle Tage, bis die Stele (Nische) komplett vierseitig freigelegt war und ihre wahre Gestalt zum ersten Mal in ihrer vollen Grösse ersichtig wurde. Dabei stellte Dr. Arkadasch fest, dass zwar die Fundamentierung des Säulenträgers (die Stelenbasis) direkt auf reinem Felsgrund erfolgte, der zudem rund um die Stellfläche grobe Spuren einer Behauung aufwies um ein planes Fundamentgeviert zu erhalten, auf dem dann der Aufbau der Stele in Trockenbauweise erfolgte, aber bis zu einer Höhe von 72 cm über dem Felsgrund deutliche Hinweise einer bewussten Ummantelung in Form von losem, grob- bis feinkieseligem Schüttgut vorzufinden sind. Diese Kiesel wurden mechanisch gebrochen, wobei in Laboranalysen lediglich Spuren von Granit vorzufinden waren, jedoch keinerlei metallene Rückstände (abgesehen von Sickerrückständen aus Oberflächenwässern, welche jedoch alle eindeutig der Zeit ab 1900 [+/- 30 Jahre] zuordenbar sind). Daraus ergibt sich, dass diese Kiesel vor Ort gebrochen wurden, wie auch ihre mineralogische Struktur beweist, welche ident mit dem Geschiebematerial des Faggenbachs und des Gallruthbaches ist. Die Stele (Nische) ragte somit lediglich 104,90 cm aus dem Erdboden, wobei der obere Teil, die „Kammer“ (Nische) nach einem verjüngenden Gesimse von 6 cm eine mittlere Höhe von 25,02 cm aufweist.

stele,nische, trassierung, kaunertal 1997, dr. arkadasch, arteologieDie zuvor im Sondierungsgraben V am 16. Juni 1997 vorgefundenen und quer zum Graben verlaufenden Trockenmauerreste weisen lediglich im südlichen Teil naturgewachsene Stütz- und Schüttmaterialien auf, während der nördlich angrenzende Teil deutliche Reste einer aplanierten und trassierten Fläche beinhaltet. Nach genauerer Untersuchung der Schichtstruktur dieser Trassenfläche gelangte das Expeditionsteam zur Schlussfolgerung, dass es sich hierbei um eine strassenähnliche Befestigung handeln musste, die in ihrer gedachten Verlängerung direkt zur Stele (Nische) führt und diese wohl auch einfriedend umschliesst.

Umgehend wurde daher in der gedachten Folgelinie der Trockenmauerreste vom Sondierungsgraben V systematisch weitergegraben und weitere Mauerreste sowohl in westlicher als auch östlicher Richtung vorgefunden, wobei die Mauerreste, welche am weitesten westlich gefunden wurden, bereits in einer Tiefe von gut einem Meter direkt mit dem gewachsenen Fels korrelieren und von da an, folgend dem felsigen Grundverlauf in östliche Richtung, immer tiefer reichen, bis sie in Höhe der Stele (Nische) gänzlich aufhören, wobei hier die Abschlusskantenecke von grossen, sich wechselseitig überlappenden Steinen gebildet wird.

Somit handelt es sich hier im Kaunertal um einen relativ gut erhaltenen und bewusst gestalteten Platz, der sowohl in bautechnischer als auch archäologischer Hinsicht die Prämissen einer arteologischen Artefizität in allen Belangen erfüllt. Die Trassierung des Weges/der Fläche zur Stele (Nische) entbehrt auf Grund ihrer Lage jeden verkehrstechnischen Zweck und steht somit ausserhalb der bisherigen Fundungen, welche selbst in ihrem kultischen, rituellen Beiwerk immer einen direkten Bezug zum infrastrukturellen Bereich des jeweiligen Gemeinwesens beinhalteten.