Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 18
Auch im weiteren Verlauf der gesamten Grabung in diesem Areal wurden keine zusätzlichen bautechnischen Spuren vorgefunden, welche in einem direkten Zusammenhang mit dieser Platzgestaltung oder auch der Stele/Nische als solcher stehen. Das daraus resultierende Alleinstellungsmerkmal dieses architektonischen Ensembles weist somit keinerlei vordergründig merkantile Verwendungsmerkmale auf und muss daher einem rein kultischen oder sakralen Zweck zugeordnet werden (wobei theoretisch durchaus auch ein obrigkeitsverordnetes Machtsymbol hier unter Umständen andenkbar erscheint). Dieser Ansatz wird durch die Formensprache der Stele/Nische in ihrer Gesamtgestaltung verstärkt.
Die Laboranalysen der Oberflächen der in Trockenbauweise hergestellten Grundsäule weisen keinerlei Spuren einer etwaigen Verhübschung durch mineralische oder organische Putze auf. Die im Fundamentbereich vorgefundenen Reste einer kleinflächigen Bedeckung des Mauerwerks durch eine Mischung aus Stroh (heimischen Gräsern) und Rinderdung, sind wohl im Zuge der Planierungsarbeiten zur Endherstellung dieser Stele/Nische entstanden, da sowohl die Aplanierung des durch die von Ost nach West verlaufende Stützmauerung entstandenen Stelenvorplatzes und die Einbettung der Stele/Nische in denselben nur durch grosse gemeinschaftliche Anstrengungen und unter Verwendung von Ochsenkarren zum Schottertransport möglich war. Zudem wurden an mehreren Stellen derartiger Rinderdung vorgefunden, der zwar Aufschluss über die Ernährung und Fütterung der damaligen domestizierten Rinder gibt, aber keinerlei zusätzlichen bautechnische Rückschlüsse zulässt, oder gar Ähnlichkeiten mit afrikanischen Praktiken der Verputzung eines Hauses mit frischem Rinderdung aufweist. Auch wurde bis dato im gesamten Alpenraum keine einzige vergleichbare Verwendung von Kuhdung vorgefunden, sofern man von der Gewohnheit absieht, dass für frische Anstriche aus Kalk immer eine grosse Handvoll frischer Kuhdung in das Wasser-Kalk-Gemisch eingerührt wurde, um so die Deckkraft des Anstriches zu erhöhen. Diese Praxis ist aber im Nordtiroler Raum nur mehr in der ältesten lebenden Generation bekannt; die gegenwärtigen Anstriche in und an den Wohngebäuden und Industriebauten werden sämtlich mit mineralischen Farben oder Dispersionen durchgeführt.
Die Aplanierung des Vorplatzes und die damit einhergehende Einbindung der Stele/Nische erfolgte bis auf eine Höhe von 72 cm ab Fundament der Nische/Stele. Bei einer Gesamthöhe von 176,90 cm der Nische/Stele ragte somit die Nische/Stele einen Meter und 4,90 cm aus dem Boden heraus, wobei der durch ein Sims vom Sockel zusätzlich architektonisch betonte Nischenteil mit einer Höhe zwischen 30,90 cm (an den abgerundeten Eckkanten) und einer Scheitelhöhe von 32,10 cm seine eigenständige Bedeutung gewinnt.
Die exakte Ausrichtung der Nische in Nord-Südrichtung (wobei hier die Betrachtung von der granitenen Verschlussplatte an der südlichen Seite der Nische ausgeht) steht dabei nahezu gegensätzlich zur Ausrichtung des aplanierten Vorplatzes. Somit war jede Annäherung an diese Nische eine gezwungenermassen indirekt und belegt damit den kultischen Charakter dieses Bauwerks. Dieses sich bereits in der Annäherung Abgrenzen und Abschoten findet sich auch in den bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts üblichen Kultvorschriften der katholischen Kirchen wieder, bei denen die Priesterschaft ihre religiösen Handlungen vorwiegend mit dem Rücken zu den Gläubigen zelebrierte.
Die Nische selbst ist im Gegensatz zum trockengemauerten Sockel aus behauenen Steinen gefertigt, die in sich Ansätze einer polygonalen Verarbeitung aufweisen. Die Steine selbst sind ausschliesslich Material welches vor Ort gefunden wurde, wenn auch die Auswahl und Bearbeitung auf relativ hohes handwerkliches Können im Umgang mit diesem Material schliessen lässt. Die Verkittung der Steine erfolgte mittels eines mineralischen Mörtels, einem Gemisch von Lehm, Gips und geriebenem Bimsstein (welcher dem vulkanischen Teil der Apenninen zuordenbar ist) welcher – wie bereits erwähnt – aufgrund seiner Verhärtungseigenschaft zu einem wasserdichten Verschluss der Kammer führt, aber auch die Nische insgesamt vor dem Eindringen von Regenwässern zu schützen vermag, wobei hier insbesondere die Anschlussstellen zwischen den drei Abdecksteinen und den ansatzweise polygonale verlegten Mauersteinen einer extrem hohen klimatischen Belastung ausgesetzt waren/sind.
Eine interessante Entdeckung brachte die genaue Untersuchung der drei Abdecksteine der Nische: diese weisen nicht nur eine nach Osten und Westen verlaufende, geringe aber konstante Krümmung auf, an der entlang jedes Oberflächenwasser abrinnen muss, sondern diese Abdecksteine wurden, wie deutliche Spuren der Bearbeitung zeigen, geschliffen und poliert und mit Wachsen und Harzen behandelt, um so eine Kontaminierung dieser Steine durch Regen oder schmelzwässer zu verhindern. Zudem wurden diese drei Abdecksteine untereinander mit einem Nut-Fugen-System versehen, um dergestalt eine starke und möglichst dichte Verbindung zu erreichen. Auf eine Verbindung mit Mörtel wurde bewusst verzichtet, stattdessen auch hier mit einem Gemisch aus Wachsen und Harz gearbeitet um so zwar eine feste, gleichzeitig aber erschütterungsresistente Abdeckung zu erhalten.
Derartig hohes technisches Können im Bezug auf Steinmetz- und Maurerarbeiten war zu jener Zeit in der einheimischen Sozietätsstruktur nicht vorhanden. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass diese Nische/Stele von einer Gruppe errichtet wurde, welche weder bislang hierorts heimisch noch ansässig war.