Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 19

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 19

Während die üblichen Trockenmauerungen des den Stelen-/Nischenplatz umschliessenden und architektonisch öffnenden Stelenvorplatzes durchaus der damaligen regionsüblichen Handwerksausübung entspricht, ebenso kann auch der trockengemauerte, wenn auch äusserst sorgsam gefügte Sockel der Nische noch von eingeborenen Handwerkern erbaut worden sein, muss eindeutig festgehalten werden, dass die komplette Mauerung der Nische als solcher, mit ihrem polygonalem Ansatz und der dreigeteilten Plattenabdeckung aus ineinander im Nut- Federsystem verlegten Steinplatten mit zusätzlich ausgefertigter wasserabweisender Wölbung von einer derartigen Bearbeitungsqualität zeugt, welche bisher weder in Nordtirol noch in den restlichen Ausgrabungsgebieten des Alpenbereiches vorgefunden wurde. Zudem verweist die Verwendung des mineralisch-organischen Klebemörtels sowie die Art und Weise der Oberflächenbehandlung der drei Abdeckplatten durch Harze und Wachse auf einen hohen und reichen Erfahrungsstand der bearbeitenden Handwerker.

Bei der Laboranalyse im Archäologischen Institut der Universität von Turin  – welche führend ist auf dem Gebiet mineralischer, vorantiker Verbindungen im bautechnischen Bereich – hat sich unzweifelhaft herausgestellt, dass es sich bei diesem Mörtelgemisch, welches als zusätzlicher Kleber zwischen den ansatzweise polygonal verlegten Mauersteinen der Nische verwendet wurde, um ein Mörtelgemisch handelt, welches bereits voretruskisch erstmals in der auslaufenden Spätsteinzeit im späteren Villa-Nova-Kulturraum, wenn auch noch primitiverer Form, in Verwendung stand. In der etruskischen Stadt Clevsin (dem heutigen Chiusi) wurden mehrere Überreste von kleinnischigen, meistens in bestehendes und oftmals auch erst in späterer Zeit umbauten Mauerwerk vorgefunden, die sowohl von ihrer polygonalen Gestaltung her, als auch von der Verwendung der mörtelartigen Bindematerialien eine starke Affinität zum Fund im Kaunertal aufweisen.

Der geriebene Bimsstein, der im Mörtel der Kaunertaler Nische nachweislich in einem Prozentverhältnis zwischen 18 % und 31 % vorhanden ist, kann herkunftsmässig eindeutig dem appeninischen vulkanösen Gebirgsstreifen zugeordnet werden und ist somit geologisch eindeutig ident mit jenen in den Mörtelresten von Clevsin vorgefundenen Bimssteinanteilen. Die verwendeten Lehmerden und der Gips hingegen sind zweifelsfrei dem geologischen Umfeld des Kaunertals zuzuschreiben, wobei die Vermutung, dass es sich beim Gips um jenes Material handeln könnte, welches einer bereits seit alters her verwendeten Gipsabbaustelle im Lechtal entspricht, als nicht zutreffend ausscheiden musste.

Sowohl die handwerkliche als auch materialtechnische Analyse belegt daher die Theorie, dass es sich bei den Erbauern der Nische um Fremdleistungen im Sinne einer Auftragsarbeit handeln musste, da das Fehlen jeglicher weiterer Bauten in dieser speziellen Ausführung, eine Arbeitsleistung in Form von Sklaverei und/oder kriegstechnischer Gefangenschaft im Zuge eines aggressiven, militärischen Konflikts ausscheidet.

nische_innen, kaunertal 1997, arkadasch, arteologieDiese Stele/Nische wurde somit bewusst an fremdländische Arbeitskräfte vergeben, um genau an diesem Platz ein Bauwerk zu schaffen, das fernab von jeder praktischen Verwendung einzig und allein einem kultischen Zweck dient. Dass hiefür keine eingeborenen Kräfte einsetzbar waren belegt das Vorhandensein einer kultischen und wohl auch administrativen Elite, deren Beziehungen weit über die unmittelbare Region hinausreichten und somit bis zu fremdsprachlichen und fremdkulturellen Regionen gepflegt wurden, obgleich diese Kontakte und Regionen bereits von einer höherwertigen Sozietät und damit einhergehend einer nicht geringen technischen und handwerklichen Überlegenheit gekennzeichnet waren. Umgekehrt betrachtet belegt dieser Austausch die Wichtigkeit der transalen Handels- und Wanderrouten durch das Gebirgsmassiv der Alpen, welche somit nicht nur für die Völkerschaften des Nordens, sondern in gleichem Ausmasse auch für die des Südens von primärer Bedeutung waren.

Die Öffnung der Nische wurde für den 29. Juni 1997 geplant. Die dafür extra angereiste Mineralogin Frau Mag. Susanne Best (University of Manchester) lies dafür zuerst den gesamten umgebenden Graben mit einem Gemisch aus Zement und Kiesen festigen, sodass durch eventuelle Unachtsamkeiten keine Verunreinigungen durch Umgebungsmaterial die ausgekratzten Mörtelteile des Nischenklebers unbrauchbar machen konnte. Sodann wurde der Grabenboden mit einem Flies aus PVC abgedeckt und die die Nische tragende Stele gleichfalls doppelt in dieses Flies verpackt. Die Überdachung dieses Fundbereiches erfolgte grossräumig mittels einer Zeltbahn, sodass die Öffnung der Nische sowohl Wind- als auch regengeschützt vorgenommen werden konnte. Dr. Arkadasch, und die Leiterin dieser Nischenöffnung, Frau Mag. Susanne Best, trugen dabei Schutzanzüge, sterile Handschuhe und Atemschutz um dergestalt eine Kontamination auszuschliessen. Frau Mag. Susanne Best löste zuerst kratzend am rechten, oberen Eck die Verbindung zwischen der granitenen Verschlussplatte und dem stützenden Mauerwerk. Die Härte dieses Klebers war bereits nach wenigen Millimetern derart hoch, dass mit normalen Bildhauerspateln kein Weiterkommen mehr möglich war und Frau Mag. Susanne Best auf zahnchirurgisches Besteck zurückgreifen musste, um erfolgreich diesen Kleber entfernen zu können. Nach mehrstündiger Arbeit konnte ein erstes Durchdringen dieser Kleberschicht erreicht werden und nach zwei weiteren Stunden war es möglich vorsichtig die Verschlussplatte – unter dem Applaus sämtlicher Teammitglieder und Hilfskräfte, die sich diesen spannenden Augenblick natürlich nicht entgehen liessen – vollständig herauszulösen.

Die dahinter freiwerdende Nische war leer.