Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 20/4

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 20/4

Es ist jedoch davon auszugehen, dass insbesondere die Verarbeitung und hier wieder die weiterführende und auch künstlerische und/oder gestalterische Bearbeitung von Materialien, sowohl für den täglichen Gebrauch (wobei bis dato nur wenige Gebrauchsgegenstände aus Metall vorgefunden wurden; überwiegend messerartige Werkzeuge, Hämmer und Schlegel) als auch für Kulthandlungen zwar im Kontext einer friedlichen Koexistenz mit heimischen Eingeborenen erfolgte, jedoch insgesamt dieses Wissen nur marginal der eingeborenen ortsansässigen Bevölkerung zur Verfügung stand. Gleichzeitig beweist diese Spezialisierung, welche auch im architektonischen und mauergewerblichen Bereich manifestiert erscheint, dass wir es im gegenständlichen Bereich weder mit einer Art von durch Suppression erreichter Kompetenzerweiterung (ev. in Form von Sklaverei und/oder Gefangennahme innert kriegerischer Auseinandersetzungen), noch mit dem simplen monetären Zukauf von artifiziellen Leistungen welche im gegenwärtigen Gesellschaftsgefüge einer Gemeinschaft aufgrund der eigenen entwicklungsbedingten kulturellen Ressourcen nicht im ausreichenden Ausmass vorhanden sind (sei es durch einen genuinen Mangel an Talent oder Experimentierneigung, oder aber durch eine schlichte Rückständigkeit in der allgemeine n Entwicklung als solcher) zu tun haben, sondern vielmehr mit einer von aussen kommenden, also transalen Bereicherung in Form einer elitenhaften Infiltration einer nichteingeborenen Führungsschicht, welche in relativ kurzer Zeit in der Lage war zum einen die althergebrachten, traditionellen Formen einer kultischen Grundkultur für ihre Zwecke zu adaptieren und zum anderen es verstand durch die eigene Überlegenheit in bestimmten Wirktechniken und Fertigkeiten im architektonischen als auch artifiziellen Bereich ihre Vormachtstellung als positive Kompetenzerweiterung der Gesamtgruppe im lokalen Umfeld des Kaunertals zu festigen.

Die handwerklichen und manipulativen Spuren an den beiden Cult-objecten tragen deutliche Hinweise auf ähnlichst gearbeitete Gegenstände welche im kultischen Umfeld von Etrurien (IT), aber auch in Grabungsstätten rund um Mezzovico-Vira (CH) und Arbedo-Castione (CH) vorgefunden wurden, und die sämtliche der Artreologischen Zeit zuordenbar sind.

Die koevolative, transale Implementierung von nichteingeborenen Eliten in die kulturelle und soziologische Grundstruktur der kaunertaler Bevölkerung ist somit – spätestens – mit dem Auslaufen der Arteologischen Zeit als belegt anzuerkennen.

cult_object_1_vorderansicht, kaunertal 1997, dr. arkadsch, arteologieBei beiden Cult-objecten handelt es sich um im Durchschnitt 2,3 mm starke metallene Objekte, deren Ausarbeitung aus einem flachgeklopften stark eisenhaltigen Grundblech besteht. Die Gesamtform entspricht im weitesten einem grossen „T“, weist an der senkrechten Linie des ersten Cult-objectes eine Gesamtlänge von 67,34 mm auf und einen horizontalen Spann von 81,03 mm. Am in der gehauenen Felsboden eingelassen Basis beträgt die Breite 15,20 mm und verjüngt sich nach einer halbkreisförmig gerundeten Bogenform (mit einem Radius von7,10 mm) nach oben hin zu einer taillierten Form mit einem Querdurchmesser von 10,08 mm. Dieser schlankeste Punkt wird – von unten gemessen – nach 49,91 mm erreicht. Von da an verstrebt sich die Form V-förmig nach oben und bildet zwei sich gleichmässig nach links und rechts – ungleichmässig gedrehte- verlaufende Verastungen. Der Mittelteil der „V“ – Form wird durch ein zweidimensionales, nach oben hin in einer dreiteiligen Welle geführtes Flachstück gebildet, dessen beide Wellenkämme im Abstand von 11,30 mm ausgebildet sind. Die Übergänge beidseitig dieses Flachstückes werden von den dreidimensionalen Verastungen gebildet, die gegengleich nach aussen streben und an den Kurvenkanten, welche direkt am Flachstück anschliessen, nachbearbeitete Verformungen, welche mithilfe von nachweisbaren Feuerungsspuren einer metallurgischen Bearbeitung zugeführt wurden, aufweisen. Vom linken Scheitelpunkt der Verformung bildet der linke horizontale Ast eine balkenartige Struktur in der Länge von 26,72 mm. Der entsprechende Balkenquerriss beträgt an der linken Aussenkante 7,25 mm.

Die rechte Verastung erscheint formal geschlossener und erreicht ihren Scheitelpunkt, gemessen vom rechten Wellenkamm des V-förmigen Mittelteils, nach 16,40 mm und bildet dann einen leicht nach unten weisenden Querbalken in der Länge von 18,51 mm. Der dazugehörende Querriss am Balkenende weist eine Breite von 7,10 mm auf.

Die mittels Hitzeeinwirkung metallurgisch gedrehte Querbalkenformung zeigt hiebei zwei unterschiedliche Drehradien, welche klar darauf hinweisen, dass es sich hiebei weder um eine frühe serielle Darstellung anhand einer Grundform gehandelt haben kann, noch um eine in Schablonentechnik geformte und normative Darstellung. Vielmehr entspricht die handwerkliche Vorgangsweise einer individuellen und artefakturellen Bearbeitung einer bestehenden und traditionell überlieferten Grundgestaltung, welche speziell für einen im rituellen Kontext zu findenden anlassgemässen und situativen Verwendung hergestellt wurden.

Wie bei den bisher in Metall ausgeführten Cult-objecten die im Nordtiroler Raum gefunden wurden, findet sich an der vertikalen Basis eine 5 mm betragende, kreisrunde Bohrung, die wohl ursprünglich einer speziellen Verwendung zugedacht war, im gegenständlichen Fall aber keinerlei Gebrauchspuren aufweist, welche auf eine tatsächliche manipulative Anwendung in diesem eingeschränkten Bereich hindeuten.

Neben der artefakturellen Formensprache ergibt sich ein Kontext zu den bisher vorgefundenen metallenen Cult-objecten wiederrum durch die in Ritztechnik angebrachten schriftartigen Zeichen, welche den vertikalen Bereich dieses Cult-objectes zieren. Diese Ritzung wurde händisch durchgeführt und unter Zuhilfenahme von Essigsäure im Metall dergestalt vertieft, dass sich dadurch zwar eine Verdeutlichung des Erkennens ergibt, andererseits aber eine Entgratung der Ritzzeichen durchgehend erfolgte. Es handelt sich insgesamt um sieben verschiedene Zeichen, wobei die beiden untersten ident sind, sowie das dritte und sechste von oben. Interessant dabei ist die Tatsache, dass das zweite Zeichen von oben gestalterisch eine gegengesetzte Formung einnimmt, während alle anderen Zeichen, und hier ganz besonders das erste und grösste Zeichen (von oben aus betrachtet) gestalterisch zur Basis hin ausgelegt sind.

Die Rückansicht der beiden Cult-objecte belegt die Verwendung des handwerklichen Kunstgriffs der durchgehenden Materialversteifung durch bewusste Eindrehung der Ränder in abgerundeter Form nach innen. Dadurch wird nicht nur eine in sich tragende formale Verfestigung erreicht, sondern auch eine dreidimensionale Formgebung, die gestalterisch weit über eine rein reliefartige Ausarbeitung hinausgeht, wie sie bei späterhin oft üblichen Treibarbeiten aus Bronze und Kupfer vorzufinden sind.

Die Oberfläche der Cult-objecte wurde durchgehend geglättet, lediglich an den Verastungen erscheint die Oberfläche rauher, wobei dies mit hoher Wahrscheinlichkeit einer höheren Anfälligkeit gegen errosive Einwirkungen infolge der zusätzlichen Bearbeitung mit Hilfe von Feuer geschuldet scheint.

Die Masse des zweiten Cult-objectes entsprechen weitestgehend dem des ersten, genauso seine gestalterische Ausformung und Charakteristik. Die dazugehörenden genauen Angaben sind dem „Spezifischen Fundprotokoll Kaunertal“ zu entnehmen.