Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 20/5

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 20/5

Die schichtweise Revelation der beiden Cult-objecte brachte vorerst auch bei der Trocken- und nachfolgenden Nassversiebung des Grabungsmaterials keinerlei zusätzliche Fundstücke zu Tage. Vielmehr ist davon auszugehen, dass diese Nische in der die beiden nebeneiander platzierten Cult-objecte streng linear ausgerichtet wurden, zu einem späteren Zeitpunkt (die Bodenanalysen bestärken hiebei die zeitliche Festlegung auf die Blütephase der Hocharteologischen Zeit ) einer bewussten Verschüttung zugeführt wurden. Da es dabei zu keinerlei Zerstörungen und/oder Deformierungen der beiden Cult-objecte kam, ist davon auszugehen, dass diese Verschüttung mit grosser Sorgfalt durchgeführt wurde. Die vorherrschende These von Frau Dr. Marie Therese Prochatzka, Universität Graz, die sie für dergestaltige Verschüttungen in ihrem Forschungsbericht „Theophane Verschüttungen im Spannungsfeld von religiöser Indoktrinationen und ihr Einfluss auf die rituelle Modifizierung und Implementierung religiöser Traditionen“ (Universität Graz, 1993) ausführt, geht dabei von zwei unterschiedlichen Szenarien aus:

1)    Die Verschüttung erfolgte auf Grund einer internen theologischen Weiterentwicklung, welche sich genuin in einer Neugestaltung und Neuordnung des Götterbildes niederschlagen muss, ohne dabei aber einen direkten Bruch mit den bisherigen rituellen Gepflogenheiten nach sich zu ziehen. Vielmehr werden die bisherigen kultischen Objekte (Symbole, Bilder, rituelles Werkzeug) in einer Art von kultischem Ausgedinge einer rituellen Verwahrung überantwortet, die entweder einer Art von Verbergung anheimzufallen hat, oder aber in eine gestalterische Neuorientierung einfliessen.

2)    Zahlreiche Verschüttungen jedoch gehen auch mit transalen oder insistalen Wanderbewegungen (Absiedelungen, Umsiedelungen, vollständige Aufgabe einer Wohn- bzw. Arbeitsstruktur) einher, bei denen bisher bestehende Kultplätze mit grosser Sorgfalt eingegraben oder vergraben werden, um so einerseits dem herrschenden spirituellen Habitus den Fortbestand im Verborgenen zu gewährleisten und dergestalt Sanktionen und Repressalien der zurückgelassen Gottheiten zu entgehen und andererseits dadurch einen Neuanfang, ohne den Ballast eines vermeintlich frevelbehafteten Tuns zu ermöglichen.

kaunertal_1997_flachmetallstuecke, dr. arkadsch, arteologieDiese zweite Annahme wurde auch durch weitere Fundstücke an der Bodenplatte der beiden Cult-objecte belegt. Vor dem rechtsseitig angebrachten Culto-bject wurden am eben eingeglätteten Felsboden drei münzgrosse, kreisrunde Flachmetallstücke vorgefunden, die in Form eines Dreiecks abgelegt sind, wobei die linke Dreiecksspitze zum rechtsseitigen Cult-object hinzeigt. Alle drei dieser münzgrossen, kreisrunden Flachmetallstücke sind an ihrer sichtbaren Oberfläche farblich gestaltet und weisen darstellungsidente symbolische, schriftartige Zeichen auf. Die Ränder bestehen aus einer kleinzackigen Aufrandung, während die zum Boden zeigende Seite – ab nun als Innenseite bezeichnet – anorganisch beschichtet sind.

kaunertal_1997_flachmetallstuecke_2, dr. arkadsch, arteologieDie nahezu geometrische Anordnung dieser drei Flachmetallstücke steht im direkten Zusammenhang mit den zwei in „T“-Form aufragenden Cult-objecten. Inwieweit die zahlenmässige Menge von zwei Primzahlen (die Zahl „2“ bei den Cult-objecten und die Zahl „3“ bei den Flachmetallstücken) einer speziellen Bedeutung unterliegt, ist Gegenstand weiterer Forschungsarbeiten.

Bemerkenswert ist zudem die bisher in dieser Form nicht vorgefundene farbliche Gestaltung der drei Flachmetallstücke, da bei den beide „T“- förmigen Cult-objecten keinerlei Farbspuren vorgefunden oder auch nachgewiesen werden konnten.