Kaunertal, Mai - Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 21/2

Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 21/2

Vom Zentrallager neben der Volksschule Nufels wurden umgehend sämtliche Apparaturen des mobilen Labors per PKW an die Grabungsstelle transportiert. Zudem gab Dr. Arkadasch Dag die Anweisung den Bergungscontainer zu aktivieren, um für eine etwaige Fundung von organischem Material entsprechend vorbereitet zu sein. In derartigen Situationen ist es von grossem Vorteil auf ein professionelles und eingespieltes Grabungsteam aus Experten zurück greifen zu können, welches bereits bei vorangegangenen Grabungen derartige Abläufe sowohl organisatorisch als auch administrativ bewältigt hat. Es gilt hier zum einen sämtliche Erfordernisse einer eventuellen Bergung gemäss den archäologischen und arteologischen Parametern umzusetzen, als auch die mediale und psychologische Situation vor Ort mit der eingeborenen Bevölkerung, den diversen Medienvertretern und der politischen sowie sozialen Nomenklatura richtig einzuschätzen und in positives Gesamtgefüge einzubringen. Gerade die Striktheit einer möglichst kontaminationsfreien und raschen Bergung (insbesondere bei organischen Funden, welche bereits durch die Kontaktierung mit dem Sauerstoff der Umgebungsluft oftmals unwiederbringliche Schäden erhalten) stösst gerade bei der eingeborenen Bevölkerung sehr oft auf Unverständnis, welche sich mit fortdauernder Zeit häufig zu stiller Aggression entwickeln kann. Da sämtliche derartige Fundungen von relevant erscheinendem organischem Material in möglichst steriler Atmosphäre geborgen werden, bedeutet dies (ausser bei Gefahr in Verzug, oder bei unmittelbar drohendem Verlust des Fundes durch klimatische Einwirkungen), dass das jeweilige Expertenteam mit Schutzanzügen und Atemmasken zu arbeiten hat (hier sei auf die einschlägigen Erfahrungen der Fundungen in der Höhle von El Sidrón [Spanien] verwiesen, bei der die Paläo-Forensiker zum ersten Mal derartige Schutzvorkehrungen trafen, um so Kontaminierungen durch die Atemluft des Grabungspersonals zu vermeiden), um so eine grösstmögliche Authentizität der organischen Funde zu bewahren. Dies bedingt einen weitestgehenden Ausschluss sämtlichen nichtwissenschaftlichen Personals vom direkten Bergegeschehen. Die verständliche Neugier der lokalen Bevölkerung und der Medien kann somit lediglich mit wenigen Fotografien und spärlichen ersten Informationen befriedigt werden, da die arteologische Nachbearbeitung der Funde meist viele Monate, wenn nicht gar Jahre in Anspruch nimmt.

Im Gegensatz dazu ist es vorteilhaft, wenn zeitnah optisch repräsentative Artefakte geborgen werden, um mit Hilfe dieser Funde den verständlichen Drang nach sofortigen und herzeigbaren Objekten nachhaltig für die Öffentlichkeit befriedigen zu können. Obwohl diese Vorgangsweise dem arteologisch-wissenschaftlichen Ansatz zuwiderlaufen scheint, muss gerade in der heutigen Zeit darauf geachtet werden, dass durch eine entsprechende (populärwissenschaftliche) Erstaufbereitung die Gunst und das Wohlwollen einer breiten Öffentlichkeit sowie von diversen Geldgebern erhalten bleiben. Die systematische Mittelbeschaffung, laufende Analyse und Planung einer (arteologischen) Expedition verlangt nicht nur eine stringente wissenschaftliche Grundausrichtung, sondern muss im gleichen Ausmasse auch gewährleisten, dass eine entsprechende Kommunikation nach aussen zielgerichtet und dauerhaft funktioniert. Die entsprechende Hauptagenda der Öffentlichkeitsarbeit für diese Grabung lag dabei in den bewährten Händen unseres Fotografenmeisters und Aquarellieurs Herwig Angerer, der als Einheimischer nicht nur die Sprache vor Ort perfekt beherrschte, sondern auch mit sämtlichen Gesetzen und Gebräuchen der Nordtirolerischen Administration vertraut war.

kaunertal, 1997, dr. arkadasch, arteologieDie Erstanalysen des arteologischen Teams um Dr. Arkadasch Dag belegten nahezu zweifelsfrei, dass dieser humanoide Fund tatsächlich von arteologischer Bedeutung ist. Glücklicherweise besserte sich am Nachmittag das Wetter, sodass mit den einleitenden Bergungsschritten umgehend begonnen werden konnte.