Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 21/3
Die relativ oberflächennahe Fundung dieses organischen humanoiden Fundstückes stellt eine absolute Besonderheit dar. Normalerweise werden derartige organische Fundstücke entweder in abgeschlossenen biologischen Formaten vorgefunden, welche wiederum ihre chronospezifische Unversehrtheit oder aber morphologische Veränderung unmittelbaren Umwelteinflüssen, wie z.B. Versteinerungen auf Grund von vorangegangenen Sedimentierungen mit nachfolgender Austrocknung unter grossem, geologisch bedingtem Druck zu verdanken haben, oder aber sie erfahren eine Überdauerung in chemisch-biologisch derart stabilen Verhältnissen, die eine organische Zersetzung auf Dauer verunmöglichen – sei es durch anhaltende und permanente Dehydrierung, oder aber chemische Prozesse, die einer natürlichen Mumifizierung gleichkommen.
Meist sind es daher spezielle Fundorte in einem stabilen klimatischen Gebiet, welches bereits seit Jahrhunderten hinweg eine relativ schmale Amplitude von witterungsbedingten Absonderheiten aufweist, die daher bestimmte funderhaltende Parameter aufweisen, welche da sind:
1) Trockengebiete (Wüsten und Steppen)
2) Vergletscherungen
3) Permafrost
4) Moore und moorähnliche Landschaften
5) Vulkanoider Outfall mit einer Mindestschicht von 5 m
6) Natürliche Höhlen und Schächte
7) Reinvorkommen (über 66 %) von Lehmen und kalkigen Mergeln
Im Raum Nordtirol herrscht inneralpines Klima mit Vergletscherungen entlang des Alpenhauptkamms, wobei davon auszugehen ist, dass in vergangenen Zwischenkälteperioden (gerechnet ab der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit, 115000 bis etwa 10000 Jahre vor unserer Zeitrechnung) auch Gebirgsregionen nördlich der Linie der Flüsse Sanna und Inn kleinere bis mittlere Vergletscherungen selbst in den Kalkalpen aufwiesen.
Wüsten und Steppen sind in Nordtirol nicht vorhanden, während bereits im Bereich Vintschgau/Südtirol (Alto Adige) Formen von Trockensteppen nachweisbar sind.
Moore und moorähnliche Landschaften sind in Nordtirol nur kleinräumig vorhanden und stellen aus arteologischer, sowie archäologischer Sicht keine AHDPs (Area of High Degree of Probabilty)dar.
Permafrostgelände findet sich ausschliesslich in hochalpinen Regionen, im Übergangsbereich zur Vergletscherung. Aufgrund der geologischen und klimatischen Bedingungen in diesen Regionen ist hier nur mit einem eingeschränkten Fundrepertoire zu rechnen.
Natürliche Höhlen- und Schachtvorkommen sind im gesamten Nordtiroler Raum vorhanden. Die geologischen Besonderheiten im Gebiet der Kalkalpen mit ihren karstähnlichen Sickerungsverhalten von Regen- und Oberflächenwässern sind jedoch im Hinblick auf organische Funde ohne Relevanz. Lediglich Knochenfunde und Fossilisationen sind hier bisher festgestellt worden. Die Höhlen und Schächte im Gebiet der Zentralalpen sind wiederum grösstenteils glazialen Ursprungs und korrespondieren daher indirekt und direkt mit den einschlägigen Fundungen im Bereich der Vergletscherungen.
Vulkanoider Outfall mit einer Mindestschichtung von 5 m existiert in Nordtirol nicht.
Die arteologische Arbeit konzentriert sich daher überwiegend auf die zahlreichen, wenn auch oft kleinräumigen Reinvorkommen von Lehmen und kalkigen Mergeln; wobei hier unter kleinräumig durchaus auch minimale und durch Gewässerverlauf entstandene Einbettungen und Verlandungen zu verstehen sind.