Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 21/4
Besonders an gebirgigen Wasserläufen die sich durch ein rasches Rinnverhalten auszeichnen, kommt der Topographie und den dabei zugrundeliegenden geologischen Verhältnissen bei der Vorabanalyse einer generellen Funderwartungswahrscheinlichkeit ein hohes Augenmerk zu. Der Faggenbach strömt dem Talverlauf entsprechend, in überwiegender Weise von Westen nach Osten, dabei den geologischen Grundformationen der Gebirge im Wesentlichen folgend. Vornehmlich biegungs- und kurvenlos verlaufende Bachstrecken bieten bei einem Permanentfluter (d.h. der Bach, der Fluss führen ganzjährig Wasser, bzw. verfrieren in der Kälteperiode maximal kurzzeitig zur Gänze) kaum nachhaltig beforschbare Grabungsstellen, da zum einen durch die hohe Fliessgeschwindigkeit, häufig auch gepaart mit witterungsbedingten Hochwässern, das Geläufe des jeweiligen Gewässers einer ständigen Umschichtung unterliegt, und zum anderen den strömungsbedingten Erosionskräften keinerlei natürliche Ruhezonen und damit sedimentive Ablagerungszonen entgegen stehen. Selbst mäandernde Flussläufe, wie sie etwa noch immer der Bereich des Flusslaufes des Flusses Lech im Bezirk Ausserfern/Nordtirol darstellt, gelten dabei als lineare Geschiebe, da die Formung des Flussbettes insgesamt lediglich aus dem Erosionsanteil der schotterführenden Seitenbäche gespeist wird (welche zudem bei Wasserhochstand einer weiteren Formierung unterliegt) und nicht einer geospezifischen Konstante entspricht.
An der Grabungsstelle Kaunertal wird der Faggenbach durch den nordseitigen Bergrücken in eine relativ langgezogene Südost-Kurve gezwungen. Dadurch wird die Strömung des Bachlaufes am rechten Ufer deutlich verlangsamt, während sie auf der linken Bachseite mit konstant höherer Fliessgeschwindigkeit diesen Geländeabschnitt bewältigt. Die dadurch entstehenden Kräfte drängen die leichteren Sedimente nach aussen zum rechten Ufer hin und formen dort, vor allem in Zeiträumen von Niedrigwasser, feinerdige Ablagerungen. Im Grabungsgebiet wird diese Tendenz zusätzlich durch die massiven Felsausläufer des nördlichen Bergstockes verstärkt, da diese rippenartig, quer zum Wasserlauf angeordneten Gesteinsnasen eine weitere Verlangsamung der Fliessgeschwindigkeit bewirken.
Derartige natürliche Verlandungen erweisen sich oftmals als dauerhaft, insofern das intrinsische Geschiebe des Gewässerlaufs eine hydrodynamische Vertiefung des Flussbettes mit sich bringen und so in der zeitlichen Abfolge die ursprünglichen Sedimentablagerungen zu einer stabilen Terrassenausbildung formen. Sehr oft wurden diese Bereiche für Ansiedlungen und/oder landwirtschaftliche Nutzung kultiviert, da sie zum Einen die Nähe des Wassers, mit all seinen Vorteilen einer Bewirtschaftung aufweisen, und zum Andern eine natürliche Ebene darstellen, die ohne weiterführende geländebauliche Massnahmen infrastrukturell genutzt werden können.
Eine derartige Nutzung liegt auch an der Grabungsstelle Kaunertal vor. Bereits die Sondierungsgrabungen zeigten zahlreiche, kleinräumige Reinvorkommen von Lehmen. Die Fundungen der Artefakte (zwei T-förmige Cult-objecte und drei kreisrunde Flachmetallstücke) sowie der trockengemauerten Stele/Nische entsprechen zur Gänze den arteologischen Erwartungen dieser Grabungen.
Der humanoide Fund an der westlichen Grabenkante des Sondierungsgraben IV stellt insofern eine Besonderheit dar, da dieser Fund in relativer Oberflächennähe getätigt wurde. Daher wurde eine Fundentnahme erst nach einer eingehenden Erstanalyse vor Ort initiiert, um eine Fehlinterpretation und eine unnötige Verausgabung von Ressourcen schon im Vorfeld eventuell zu verhindern. Gerade in siedlungsmässig und infrastrukturell ständig genutzten Geländeabschnitten muss – so weit wie möglich – bereits vorab die Möglichkeit von nichtspezifischen Fundstücken in der arteologischen Arbeit ausgeschlossen werden.