Kaunertal, Mai – Oktober 1997, Ausgrabungsprotokoll 21/8
Die Hand selbst hat an ihrer Oberfläche keinerlei Beschädigungen, welche auf entweder auf den mechanischen Vorgang der Abtrennung, den Mumifizierungs- und/oder Lagerungprozess zurückzuführen sind. Die Lagerung selbst im mineralisch, geologischen Umfeld dieses Abschnitts des Kaunertals zeitigte gleichfalls keinerlei Schädigungen dieses humanoiden und mumifizierten Fundes, abgesehen von einer natürlichen Ausbleichung, die der typische permanente Pigmentverlust mit sich bringt. Dieser fusst auf der minimalen semipermeablen Membranstruktur der angewandten Mumifizierungsmaterialen, welche für den dauerhaften Erhalt der Lederhautschichten verfahrenstechnisch eingesetzt wurden. Die Zusammensetzung aus pflanzlichen Ölen, Eichenharz und durch Heissverfahren gereinigte tierische Fette garantiert zwar eine durchgängige Wasserresistenz von aussen nach innen, lässt aber gleichzeitig eine einseitige, von innen nach aussen erfolgende Diffusion von Feuchtigkeit zu. Dieser Vorgang ist gewollt und beabsichtigt, da er die Abgabe von längerfristig schädigender Restfeuchtigkeit des innenliegenden humanoiden Gewebes gewährleistet und dergestalt den Mumifizierungsprozess in der Art eines Self-repair-Systems (Franziska Magenschmitt, 1992, „Die Dehydrierung als Basis der Permanentmumifizierung“, Pathologisches Institut Universität Genf, S. 124 ff) dauerhaft unterstützt. Die Pigmentstoffe selbst sind wasserunlöslich, sie werden aber im Laufe der Jahre durch die an der Oberfläche aufgetragenen Mumifizierungmaterialien chemisch zerlegt und verlieren damit ihre farbgebende Zusammensetzung und werden ab einer gewissen Minimalisierung ihrer Struktur im oben beschriebenen Diffusionsverfahren nach und nach ausgeschieden. Übrig bleibt sodann eine einheitlich gefärbte, blasse Oberflächenfarbe, die beschreibungsmässig stark an altes, häufig dem Licht ausgesetztes Pergament erinnert.
Diese rechte Hand gehörte einem erwachsenen Menschen. Auf Grund der physognomischen Eigenschaften kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dieser Hand um die rechte, obere Extremität eines Mannes handelt. Gleichwohl weist die Hand keinerlei Merkmale an der Oberhaut oder auch den Innenseiten der Finger auf, welche explizit auf eine länger andauernde handwerkliche Tätigkeit dieser Person schliessen liessen. Keinerlei Vernarbungen – auch keine kleinformatigen, keine Schwielen oder sonstige Anzeichen von alltäglichen Verwundungen oder Verletzungen. Die gesamte Hautfläche wirkt sorgfältig und bereits zu Lebzeiten nachhaltig gepflegt. Dies gilt auch für die sauber ausgearbeiteten Nagelbette und die sorgsam zugeschnittenen Fingernägel. Alle fünf
Fingernägel sind nahezu vollständig erhalten, lediglich kleine Absplitterungen sind an den Fingern eins und vier vorzufinden.
Das Alter dieser Hand wird von der Anthropologin Dr. Marga Sudanavesi zwischen 36 und 42 Lebensjahren datiert. Zudem konnten keinerlei krankhafte Veränderungen anhand der Gewebeproben festgestellt werden. Da bisher nirgendwo im Alpenraum rituelle Hinrichtungen im arteologischen Kontext feststellbar sind, ist davon auszugehen, dass es sich beim Hinscheiden des Inhabers dieser oberen, rechten Extremität um einen natürlichen Tod gehandelt haben muss, wobei jedoch a priori eine grundsätzliche Verunfallung nicht auszuschliessen ist. Insbesondere die Art der Mumifizierung/Einbalsamierung, sowie die nachfolgende konservierende Aufbewahrung lässt den Schluss zu, dass es sich bei dieser männlichen Person um einen Angehörigen der oberen Schicht gehandelt haben muss. Diese Annahme bestärkt auch das Fehlen jeden Hinweises auf manipulative, manuelle Tätigkeiten. Der Zusammenhang zwischen der Nische/Stele und sowohl der genauen Fundstelle der Hand, als auch der Hand als solcher, erscheint zwingend, bedarf jedoch noch näherer und eingehenderer Analysen.