Arteologische Kontextbefundung

Arteologische Kontextbefundung

Arteologische Kontextbefundung der fundrelevanten Grabungsergebnisse der Grabungsstelle „Kaunertal“, Team „Kaunertal“; Bearbeitungsstatus: Dezember 1997.

1.    Primäre Gesamtsichtung der inhumanoiden Artefakte in Bezug auf besiedlungstechnische und habitatsimmanente arteologische Strukturen:

Die Funde der Grabungsstelle „Kaunertal“ lassen sich in drei Kategorien einteilen:

1)    besiedelungsrelevante architektonische Fragmente

2)    rituelle Bauten und – Bauüberreste

3)    metallene Miniaturen

und:

4)    humanoide Funde

erstanalysen, kaunertal, 1997, arteologie, dr. arkadaschBei dieser, mittlerweile fünften arteologischen Expedition nach Nordtirol konnte erstmalig ein Grossteil der Primäranalysen nahezu vor Ort erledigt werden, da die Universität Innsbruck ihre wissenschaftlichen Ressourcen mit Beginn des universitären Wintersemesters 1997 umgehend dem Expeditionsteam für diese wichtigen wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen und Basalkategorisierungen zur Verfügung stellte. Dies zeigt sehr deutlich wie die interdisziplinäre und sowohl bilaterale als auch internationale Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich wesentliches zu leisten vermag. So wird zur Zeit angedacht, erstmalig am Archäologischen Institut der Universität Innsbruck, in enger Zusammenarbeit mit dem Arteologischen Institut der Freien Universität Izmir, Einführungsvorlesungen und Grundseminare für Arteologie als Wahlfach anzubieten.

Die Fundstelle Kaunertal mit ihren nichthabitatsbezogenen Fundungen beschränkt sich in ihren topographischen Gegebenheiten auf die für den inneren Alpenraum und seinen zum Alpenhauptkamm hin ausgerichteten Seitentälern typischen besiedelungsarmen Nutzungscharakter, der neben rudimentärer, hauptsächlich auf Eigenversorgung hin ausgerichtete Land- und Forstwirtschaft (mit dem Schwerpunkt auf Nutztierhaltung und halbnomadische Mangelbewirtschaftung) den artefaktischen Austausch und die damit einhergehenden merkantilen Partnerschaften im überwiegenden Ausmass durch transale und zeitlich begrenzte Visitationsaufenthalte erfahren hat. Es sind somit keinerlei als eigenständig zu bezeichnende innovative Leistungen im Bereich der Bautätigkeiten, als auch der handwerklichen und/oder kunsthandwerklichen Belange feststellbar. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sowohl die architektonischen Funde als auch die metallenen Miniaturen in ihrer Gesamtheit auf nichtsesshafte, fachspezifisch ausgebildete Kräfte rückführbar sind, welche zeitlich begrenzt ihren Einfluss auf die lokale Entwicklung ausübten. Durch die im Süden durch die Ötztaler Alpen mit seinen zahlreichen Gletschern (u.a. der Kaunertaler Gletscher) abgeschlossene Talschaft, kann der direkte bevölkerungstechnische Austausch mit dem im heutigen Südtirol (Alto Adige, Italien) als infrastrukturell genutzter Übergang ausgeschlossen werden. Gleichwohl ist anzunehmen, dass im Laufe der Arteologischen Zeit sporadische, transale Begegnungen auf Grund der relativen Nähe zum regelmässig genutzten Passübergang am Reschenpass immer wieder stattgefunden haben. Der Reschenpass liegt im Einzugsbereich der Siedlungsgebiete des Vinschgaus und der südöstlischen Schweiz. Die deutlichen und eindeutigen Parallelitäten sowohl in der Ausgestaltung der architektonischen, als auch der metallenen Fundstücke belegen diese Beeinflussung sehr deutlich. Besonders die Art der Trockenmauerungen, die Fragmente der Trassierung und nicht zuletzt die Vorgangsweise bei der Balsamierung/Mumifizierung des humanoiden Fundes zeigen starke Ähnlichkeiten mit gleichartigen Funden der bisherigen Expeditionen in Nordtirol. Die Einflussnahme aus dem heutigen italienischen Raum ist immanent. Es ist somit davon auszugehen, dass die heimische Bevölkerung von sich aus maximal in einer Art reproduktiver Nachahmung die jeweiligen Verarbeitungsmodi ansatzweise übernommen hat, ohne dabei nachhaltig eine eigene Formensprache zu entwickeln.

Somit gilt einmal mehr, dass die eingeborene Bevölkerung ohne transalen Input (der im Kaunertal ohne fremdherrschaftliche Ansprüche seine Ausprägung fand) zu keiner nennenswerten Entwicklung im Sinne eigenständiger Traditionen befähigt war. Umgekehrt war und ist es diese opportune Anpassungsfähigkeit, die wohl insgesamt betrachtet, der eingeborenen Bevölkerung in dieser inneralpinen Region das dauerhafte Überleben ermöglicht.

2.    Arteologische Befundung des humanoiden Fundes der Grabung „Kaunertal“:

Die an der Grabungsstelle „Kaunertal“ gefundene humanoide, rechte, maskuline, vordere Extremität stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit die rechte Hand eines eingeborenen, erwachsenen Mannes dar.

a)    Sowohl die Struktur der Oberhaut als auch die röntgenologischen Aufnahmen ordnen diesen Fund dem indogermanischen Typus zu.

b)    Auf Grund der molekularen Untersuchungen kann eine ausseralpine Herkunft ausgeschlossen werden. Dies belegen sowohl die entnommenen Gewebsproben, als auch die vergleichenden Analysen mit den bisherigen Funden in Nordtirol. Soweit feststellbar haben hierorts auch keinerlei Insperminationen stattgefunden, welche einen genetischen Rückschluss  auf Vermischungen mit anderen Bevölkerungsgruppen hinweisen. Somit kann hier erstmalig eine rein verhaltensmässige Übernahme von handwerkichen Fähigkeiten und rituellen, sozietätsbezogenen Ausgestaltungen postuliert werden, die um so bedeutender erscheint, als sie das bisherige adaptive Verhalten der Nordtiroler insgesamt –bis herauf in die heutige Zeit – eindrucksvoll belegt.

c)    Allerdings kann dennoch in diesem Zusammenhang von keiner arteologischen, merkmaltypischen Stammbevölkerung gesprochen werden, da sämtliche arteologischen Relevanzen eindeutig eine enklavische Absonderung beweisen, deren Ursache wohl in der inneralpinen Abgeschiedenheit des Kaunertals zu finden ist.