Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 5

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 5

Die Pitze bildet in ihrem unteren Abschnitt vor der Einmündung in den Inn einen schluchtartigen Gewässerverlauf, der tief eingeschnitten in das Felsgestein über lange Zeit hinweg eine nur unmerkliche erosive Veränderung in der Führung des Bachbettes erfährt. In diesem Bereich ist zwar die Führung von Pfaden möglich und dies wurde, nicht nur im Alpenraum, sondern in allen ahnlichen klimatologischen Gebieten, besonders in der vormotorisierten Zeit speziell in den Wintermonaten, bei Niedrigwasserständen oder gar kompletter Vereisung der Gerinne, auch fussläufig oder maximal mit Tragtieren genutzt. Inwieweit dies im erweiterten Mündungsbereich der Pitze praktiziert wurde, lässt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten, da zudem die vordergründige Notwendigkeit einer solchen Streckenführung (abgesehen von sozial nicht geduldeten Aktivitäten oder Gefahrensituationen) durch die leichtere Zugangsmöglichkeit der auch heute genutzten Zufahrtstrassierung nicht notwendig war.

Im südlichen Bereich von Wenns befindet sich die obere Einstiegsstelle zum schluchtartigen Verlauf der Pitze, die hier durchaus noch ungefährdet zu erreichen ist. Bis herauf ins beginnende 20. Jahrhundert stellte die Waldbewirtschaftung unter Nutzung der natürlichen Möglichkeiten der Holzdrift in Nordtirol eine forstwirtschaftliche Normalität dar. Diese Art der Holzbringung wurde auch im Pitztal angewandt, wie alte Fotografien, Stiche und schriftliche Berichte belegen. Dabei wurde speziell das Wissen der erfahrenen Driftführer hoch geachtet und geschätzt. Renommierte Driftführer verfügten nicht nur über fundiertes hydrodynamisches Wissen, sondern konnten aus dem Strömungsverlauf eines Gewässers und den damit verbundenen Uferbeschaffenheiten auf die spezielle Driftfähigkeit eines Gewässers schliessen und zudem jene Geländeabschnitte verorten, welche aufgrund ihrer Dynamik zu Verklausungen neigen. verklausung, arteologie, dr. arkadaschUnter einer Verklausung wird der vollständige oder teilweise Verschluss eines Fliessgewässerquerschnitts durch Treibgut und/oder Totholz oder auch Driftgut verstanden. Der dadurch erzeugte Rückstau führt rasch zu schnell und stark ansteigenden Wasserständen oberhalb des Abflusshindernisses. Als Folge treten Ausuferungen und Überschwemmungen auf, wobei generell durch die Anstauung die Gefahr zunimmt, dass sich die Verklausung abrupt löst und mit einem murenartigen Schwallhochwasser flussabwärts seine oftmals vernichtende Bahn bricht. Verklausungen bilden sich vorwiegend an verengten Gewässerstellen, wie Durchlässen, Brückenpfeilern oder den natürlichen Eingängen zu Schluchten. Während bei Brückenbauten mit einer ständigen Beobachtung bei Hochwassersituationen die Gefahr einer Verklausung nach Möglichkeit rechtzeitig erkannt und verhindert werden kann (im Extremfall durch eine geplante Zerstörung der Brücke), ist eine derartige Vorgangsweise bei natürlichen Engstellen kaum durchführbar. Daher wurden derartige Geländeabschnitte besiedelungstechnisch sowohl in der Trassenführung von Wegen als auch in der Unterkunftserbauung gemieden.

Dr. Arkadasch und sein Team verlegten deshalb den Schwerpunkt ihrer lokalen Untersuchungen auf jene Geländebereiche die einer logischen und dem Geländeverlauf entsprechenden Nutzung der vorgegebenen Topografie entsprachen. Sie bildeten dazu ein kartografisches Dreieck, bestehend aus der Wegtrassierung vom Inntal her nach Wenns, aus deren Weiterführung nach Süden ins hintere Pitztal und aus der vom Piller Sattel her führenden Geländevorgabe, die sich im Mittelgebirgsareal entlang der Wasserverläufe des Grillerbachs und des Piller Bachs bei deren jeweiliger Einmündung in die Pitze trifft. Besonders der untere Bereich des Grillerbachs zeigt dabei arteologische Relevanzen, die sich hier grundlegend mit den topografischen Begebenheiten überschneiden.