Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 8/2

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 8/2

Gleichwohl bleibt fest zu halten, dass bei aller Interdisziplinarität die grundlegende Unterschiedlichkeit sowohl in der wissenschaftlichen Zielsetzung als auch in der Herangehensweise der Erarbeitung nachvollziehbarer Ergebnisse sowohl von der fundamentalen Ausrichtung beider Wissenschaftsgebiete, als auch von der spezifischen Aufgabensetzung, bereits in den basalen Abläufen der Faktengewinnung und deren wissenschaftlicher Be- und Auswertung in aller Deutlichkeit zum Tragen kommt. Die Arteologie als wissenschaftliches Bindeglied zwischen der herkömmlichen Archäologie, der Historie und den diversen Sozialwissenschaften beschäftigt sich vorrangig mit der artefakturellen Frage und deren Auswirkung auf eine entsprechende Sozietät, aber auch auf das Individuum und seine Interaktion innerhalb seiner genuinen Gruppe und darüber hinaus beschäftigt. Dabei wird die Grundfrage nach der Fähigkeit des Menschen gestellt, begriffliche Abstraktionen zu vergegenständlichen und in weiterer Folge in einem soziointernistischen Prozess zu optimieren. Der Status quo einer Fundung stellt somit für die Arteologie keine reine Momentaufnahme dar, sondern gilt lediglich als Beleg eines anthropologischen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Gesamtausdrucks eines jeweils spezifischen Kommunikationsgefüges, welches wiederum mit und durch ethnischen Austausch  – transital als auch insital – die eigene Genese in verschiedenen artefakturellen Ausformungen widerspiegelt.

Dies bedingt auch die letztendlich in entscheidenden Details unterschiedliche Anwendung grabungstechnischer Wertungen im Hinblick auf archäologische Relevanz einer Grabung und bildet gleichzeitig die Basis der wissenschaftlich arteologisch-systematischen Herangehensweise.

Die Interdisziplinarität von und zwischen Arteologie, Archäologie, Anthropologie und Historischer Forensik erweitert somit das wissenschaftliche Spektrum jeder einzelnen wissenschaftlichen Sparte und führt neben neuen Erkenntnissen gleichzeitig zu bisher unbekannten Fragestellungen und Diskursen. Diese interdisziplinäre Offenheit führt zu einer bisher nicht gekannten Form wissenschaftlicher Vernetzung, die für gegenwärtige und zukünftige Forschungen qualitativ hochwertige Ergebnisse erwarten lässt.

bewerbungsgespraech, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDie gemeinsamen Grabungen im Uferbereich des Grillerbaches mit der Studierendengruppe um Dr. Stephan Rheinthaler vom Archäologischen Institut der Universität Innsbruck verschafften den beteiligten Studentinnen und Studenten einen direkten Einblick in die Alltagsarbeiten arteologischer Forschung. So wurde etwa die Auswahl der für diese Expedition benötigten heimischen Hilfskräfte gemeinsam getroffen. Dazu wurde per Aushang in den Gemeindeämtern der Gemeinden Wenns, Arzl und Jerzens nach einschlägigem Personal mit folgenden Kriterien gesucht; Alter zwischen 21 und 35 Jahren (dies aus sozialrechtlichen Überlegungen, da zwar die Leitung der Expedition lokativ auf österreichischem Staatsgebiet verortet ist, die rechtlich, administrative Leitung jedoch vom Arteologischen Institut der Freien Universität Izmir wahrgenommen wird, und somit in wesentlichen Detailfragen türkisches Recht zum Tragen kommt), handwerklich geschickt und ans Arbeiten unter freiem Himmel gewöhnt. 17 Personen beiderlei Geschlechts meldeten sich bis zum 19. Juli und wurden für den darauffolgenden Tag zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen. Dazu wurde ein von der Studierendengruppe um Dr. Stephan Rheinthaler und dem Team um Dr. Arkadasch Dag gemeinsam erarbeiteter Fragebogen verwendet, der diese Auswahl den spezifischen Qualitätsanforderungen entsprechend beschleunigte und erleichterte. Insgesamt wurden auf diese Art und Weise 12 eingeborene Hilfskräfte für die Gesamtdauer der Expedition in ein vertraglich geregeltes Arbeitsverhältnis übernommen, mindestens aber bis zum 31. Oktober 1999.

Da die touristische Sommersaison im Pitztal (und nahezu in ganz Nordtirol) mit Ende August/Anfang Oktober endet, konnte mit dieser Vorgangsweise und der Expedition als solcher, gleichzeitig eine nachhaltige Wertschöpfung für die lokale ökonomische Situation geleistet werden.