Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 8/3
Insgesamt ist festzustellen, dass sich in der Zusammenarbeit mit der eingeborenen Bevölkerung Nordtirols jene Skepsis gegenüber dem Ausgrabungsteam gegenüber den anfänglichen Bedenken zum überwiegenden Teil zum Positiven entwickelt hat. Während bei den ersten Expeditionen (im Inntal und im Wipp– sowie dem Stubaital) noch generelle Bedenken und gar Ressentiments festzustellen waren, die sich vornehmlich auf das sogenannte „Ausländische“ des Expeditionsteams bezogen, hat sich mit zunehmendem Erfolg dieser Expeditionen die Grundeinstellung hin zu einer wohlwollenden Duldung und allgemeinen Akzeptanz verschoben. Gleichwohl war es noch immer schwierig, das tatsächliche Vertrauen in die wissenschaftlichen Belange dieser arteologischen Expeditionen nachhaltig zu gewinnen, da immer wieder in Gesprächen dem gängigen Vorurteil zu begegnen war, was ausgerecht fremdländische Experten in der tirolerisch – arteologischen Historie beitragen könnten, was im Grunde genommen nicht gleichwertig von einheimischen wissenschaftlichen Kräften geleistet werden könnte. Durch die Ausgrabungen am Staller – Sattel, die vom archäologischen Institut der Universität Innsbruck Anfang der 90er Jahre (des 20. Jahrhunderts) durchgeführt wurden, trat jedoch eine generelle Beruhigung und Befriedung dieser Argumentationen ein. Zudem wurde auch zunehmend das touristische Potential in Nordtirol erkannt – das beste Beispiel dazu war nach wie vor das kleine Museum in Stainach (Wipptal), in welchem die Funde der Grabung Wipptal (mitsamt einer Kopie des humanoiden Fundes) interessiertem Publikum präsentiert und ausserdem noch immer geführte Touren durch das seinerzeitige Grabungsgelände den Touristen und Einheimischen angeboten werden.
Durch die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck – und sicherlich auch durch die wirtschaftliche Wertschöpfung in meist industriell und gewerblich unterentwickelten Regionen (Stubaital, Wipptal, Lechtal und Kaunertal), die besonders in den touristischen Zwischensaisonen für zusätzliche Arbeitsplätze und Nächtigungen dankbar sind – konnte auch mit den entsprechenden administrativen Stellen der Tiroler Landesregierung ein durchaus friktionsfreies Klima hergestellt werden. Von politischer Seite aus betrachtet trug dazu auch der Besuch des türkischen Botschafters Herrn Dr. Eraslan Cifci bei, der im Herbst 1989 anlässlich eines Syposions an der Universität Innsbruck zum Thema „Die Arteologie als wissenschaftliches Bindeglied zwischen der Archäologie und den Sozialwissenschaften“ ein selbst in Fachkreisen vielbeachtetes Eröffnungsreferat hielt und dabei besonders die Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit im Speziellen betonte und die zur Zeit herausragende Rolle der arteologischen Expeditionen im Raum Nordtirol als beispielgebendes Exempel – auch und gerade in einem immer mehr eins werdenden Europa – detailliert heraus arbeitete. Dieses Symposion wurde in zeitlicher Nähe mit den ersten Kontextveröffentlichungen der ersten drei Expeditionen abgehalten, welche durchaus Wertungen beinhaltet, die dem allgemeinen Verständnis und Bildungsniveau der Bevölkerung und der Eliten Nordtirols diametral zuwiderlaufen. Alleine die arteologisch fundierte Tatsache, dass es sich bei der Bevölkerung Nordtirols um keine in sich geschlossene und im Laufe der Jahrhunderte/Jahrtausende homogen gewachsene Bevölkerung handelt, die sich aus sich heraus zur bestimmenden humanoiden Gruppe in diesem Siedlungsraum emanzipierte, widerspricht dem stark verwurzelten Selbstverständnis der einheimischen Menschen. Die transalen und insistalen Beeinflussungen durch sowohl ethnisch als auch kulturell ursprünglich fremde Gruppierungen (die meist friedlich und selbst bei usurpatorischen Übernahmen häufig ohne allgemeine kriegerische, militärische Interventionen abliefen) waren und sind die Basis jener genetischen Grundstruktur, die seit dem ausgehenden Mittelalter die humanoide Grundlage der einheimischen Bevölkerung bilden. Reste dieser transalen und insistalen Beeinflussungen können sowohl in der sprachlich, dialektalen Struktur Nordtirols, als auch in unterschiedlichen, regionsspezifischen Physiognomien und tradierten gewohnheitsrechtlichen Normierungen nachgewiesen werden. Diese Fakten stehen im wissenschaftlichen Disput ausser Frage, bedingten jedoch durch die teilweise äusserst vereinfachende Medienberichterstattung in Nordtirol eine populärwissenschaftliche Umsetzung, um dergestalt zu verhindern, dass aufgebrachte, nationalistische Elemente diese Forschungsarbeiten für politisch radikale Zielsetzungen vereinnahmten. Es sei hier besonders Frau Dr. Hildegard Speckbichler („Freundeskreis der arteologischen Studien“) gedankt, die sowohl im Rundfunk als auch persönlich an zahlreichen Schulen und bei diversen Vorträgen in Gemeinden kalmierend und volksbildend tätig war.
Das Bewusstsein, sich mit jeder Expedition auf „fremdes“ Terrain zu begeben und dabei sowohl die kulturellen und traditionellen Eigenheiten des jeweiligen Gastlandes unter allen Umständen zu beachten, stellt eine ständige Herausforderung für alle an einer Expedition Beteiligten dar und ist gleichzeitig eine unabdingbare Notwendigkeit für einen generellen positiven Ablauf der Arbeiten vor Ort. Dass dabei jedoch in der wissenschaftlichen Arbeit keinerlei Kompromisse eingegangen werden dürfen, steht ausser Frage.