Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 11

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 11

Wie bereits dargelegt stellt der Sommer im alpinen Klima Nordtirols die Hauptniederschlagszeit dar, die von häufigen Regenfällen und länger andauernden Schlechtwetterperioden bestimmt ist. Trotzdem können bei relativ stabilen Hochdruckwetterlagen auch 30 Grad Celsius als Tageshöchstwerte immer wieder an vereinzelten Tagen in den Sommermonaten (meist in einer Zeitperiode von Ende Juni bis Mitte August) erreicht und überschritten werden. Die eingeborene Bevölkerung spricht jedoch bereits bei einer andauernden Schönwetterperiode von 10 Tagen bis zwei Wochen von einem „Jahrhundertsommer“ (also einem Ereignis das nur alle 100 Jahre vorkommt). Zudem steigt mit den Sommertemperaturen die Gefahr von Gewitterbildung, die sich rasch und häufig an den Bergkämmen entwickeln und sich oftmals heftig und lokal mit Starkregenfällen, aber auch Hagelschauern und kleinräumigen Murenabgängen und kurzfristigen Überflutungen entladen. Ohne die bereits im Oktober in den höher gelegenen Seitentälern des Inntals eintretenden Nachtfrösten wäre sicherlich der Herbst mit seinen relativ stabileren Wetterverhältnissen die ideale Zeit für Grabungen vor Ort, doch die hohe Wahrscheinlichkeit mit bereits im Oktober eintretenden stärkeren Schneefällen ( ab 1000 m üM) verunmöglicht jede sinnvolle Planung und Durchführung einer mehrwöchigen Expedition.

Die Witterungssituation bis zum 24. Juli – windig, Tageshöchsttemperaturen um 12 Grad Celsius, anhaltende, teils ergiebige Regenschauer – stellte daher keine besondere Ausnahme dar, sondern widerspiegelte lediglich den Expeditionsablauf in meteorologischer Hinsicht. Dennoch fordern diese Wettersituationen besonders den Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmern aus mediterranen Ländern immer wieder aufs Neue ein grosses Mass an Motivation und Duldungsfähigkeit ab, wenn sie mehrere Tage lang bei widrigen Bedingungen vor Ort in die Grabungen im freien Gelände eingebunden sind. Erkältungskrankheiten und Verkühlungen sind ein ständiger Begleiter des Expeditionsteams und es nicht zuletzt unserem arztpraxis grabungslager, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologielangjährigen Expeditionsarzt Dr. Armin Lengauer zu verdanken, dass sämtliche Expeditionen im Nordtiroler Raum bisher ohne ärgere Blessuren und langwierige Erkrankungen verlaufen sind. Zudem nimmt sich Dr. Armin Lengauer auch immer wieder der medizinischen Probleme der eingeborenen Hilfskräfte an und wird bei jeder Expedition auch von der jeweilig einheimischen Bevölkerung mit zunehmender Häufigkeit um ärztlichen beistand gebeten. Nicht zuletzt ist es diesem, seinem Engagement zu verdanken, dass sich im Verlauf einer jeden Expedition der Kontakt und die Kommunikation mit der eingeborenen Bevölkerung auf positive und nachhaltige Weise vertieft. Auf Grund dieser Erfahrungen wurde daher bei dieser Expedition erstmalig im Bereich des Lagers eine eigene Praxis mit Ordinationsraum aufgebaut und eingerichtet, in der Dr. Armin Lengauer wöchentlich an zwei Werktagen für drei Vormittagsstunden praktiziert. Diese Vorgangsweise musste bereits im Vorfeld mit der zuständigen Standesvertretung in Innsbruck (Ärztekammer für Tirol) und den diversen Sozialversicherungseinrichtungen abgesprochen werden, um entsprechende Abrechnungsmodalitäten und rechtliche Grundlagen abzuklären.

Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass jede Expedition in ein fremdes Land, in einen fremden Kulturkreis nicht nur die eigentlichen wissenschaftlichen Parameter zu berücksichtigen hat, sondern nahezu im gleichen Ausmass auch die traditionellen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Eigenheiten und Voraussetzungen des jeweiligen Gastlandes in die Planung und Umsetzung mit einbinden muss, um so jene Basis sicher zu stellen, ohne die ein zielorientiertes Arbeiten nur erschwert möglich scheint, wenn nicht gar die Grundlagen jeder wissenschaftlichen Tätigkeit insgesamt verunmöglicht.

Je besser die Ziele einer Expedition im Nahfeld der betroffenen Grabungsgebiete kommuniziert werden können, umso direkter und umfassender kann auf die Akzeptanz und das Mitwirken der einheimischen Bevölkerung und seiner politischen sowie religiösen Eliten aufgebaut werden.