Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 12

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 12

vergletscherung alpenraum, wuerm kaltzeit, pitztal, arteologie, dr. arkadaschDer humunöse Boden der Mittelgebirgsterrasse, auf dem sich das Gemeindegebiet der heutigen Niederlassung Wenns/Arzl befindet, besteht zum wesentlichen Teil aus floralen Verwesungsprodukten, die sich im Laufe der Jahrhunderte seit der letzten Eiszeit gebildet haben. Diese Eiszeit – die Würm-Kaltzeit wird auf einen Zeitraum von etwa 115.000 bis 10.000 Jahren vor heute datiert. Die dabei verwendete Datierung differiert nach der jeweiligen Zuordnung der langen Übergangsphasen zwischen Glazialen und Interglazialen (sogenannten Warmzeiten), die je nach Auslegung der einen oder anderen Periode zugerechnet werden. Im Alpenvorland (heutiges Bayern, Bundesrepublik Deutschland) lagen die Jahresmitteltemperaturen während der Würm-Kaltzeit unter minus 3 Grad Celsius; im Gegensatz zum heutigen Jahresmittel von plus 7 Grad Celsius. Diese Daten wurden anhand der Veränderungen der Vegetation mittels Pollenanalyse sowie Faciesdifferenzierungen ermittelt. Mit dem Begriff Fazies werden umfassend verschiedenen Gesteinseigenschaften beschrieben. Dies bezieht sich primär auf deskriptive Eigenschaften, während strukturell-chronologische Kriterien als lithostratigraphische Schichten (Strata) bezeichnet werden. Mit der Faciesdifferenzierung können die im Gestein erhaltenen Fossilien (Biofazies) Hinweise auf das Klima, den Lebensraum und die allgemeinen Umweltbedingungen einer Region liefern, die im Zeitraum der Ablagerung herrschten.

Der felsige Untergrund wird zum überwiegenden Teil aus Gneisgestein gebildet, die darüber befindliche Humusschicht, die in den felszugewandten Schichten von schottrigen Ablagerungen aus Gletschermuränen und/oder wasserläufigen Schwemmablagerungen durchsetzt ist, weist eine durchschnittliche Höhe von bis zu einem dreiviertel Meter aus. Grossflächige Teile davon sind auf Moorbildungen zurück zu führen, die durch nachfolgende natürliche Austrocknungen und Verlandungen zur heutigen Bodenbeschaffenheit führten. Die Fliessstrecken des Grillerbaches und seines Nebenlaufes sind dabei entlang der natürlichen Felsbarrieren entstanden, die sich in den hügelartigen Erhebungen entlang der Wasserläufe erhalten haben.

Sowohl diese Wasserläufe, als auch die Pitze (Pitztaler Ache) stellen in weiten Bereichen die originäre Infrastruktur im verkehrstechnischen Wegegefüge dar, da sie natürliche Geländeeinschnitte als auch vegetative Schneisen bildeten, die einer Nutzung mit Besiedelungsabsicht und nachfolgender oder zeitgleicher Urbarmachung entsprachen.

So entspricht in weiten Teilen die heutige Trassierung der Pitztaler Landesstrasse als auch der Piller Landesstrasse den ursprünglichen Wegverläufen der Hauptverkehrslinien. Dies gilt insbesondere für den Geländebereich um Wenns, in dem sich die Schnittstelle der Wege aus dem inneren Pitztal, dem Weg über den Piller Sattel und der Verbindung zum Inntal befindet. Auf Grund dieser Tatsachen wurde auch das Hauptgrabungsgebiet in diesem Geländeabschnitt verortet. Zudem ergaben die Ufersondierungen entlang des Grillerbaches deutliche Hinweise auf eine arteologische Relevanz im Bezug auf besiedlungsimmanente Nutzungen und Gestaltungen, welche sodann auch bei der ersten Fundung dieser Expedition am 23. Juli 1999 bestätigt wurden.

Frau Mag. Olga Frantisek legt mit ihrer Grabungsgruppe in unmittelbarer Nähe des Uferbereiches des Grillerbaches zunächst eine rechteckige Grundfläche aus verdichtetem Mergel und Schlick frei, der an seinen Rändern durch Trockensteinmauerungen abgesichert ist und zum Bachbett hin, an der natürlichen Geländekante der beschriebenen Terrassierung, in doppelter Mauerstärke geführt wurde. Die Masse dieser Fläche betragen uferseitig 105 cm und querverlaufend zur Fliessrichtung 86 cm. Die Freilegung benötigte eine kleinflächige Rodung von Buschwerk und die Entfernung von baumbedingtem Wurzelwuchs, welcher jedoch nicht in der Lage war in die stark verdichtete Grundfläche nachhaltig einzuwachsen.