Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15

Bei Expeditionen auf ein eingespieltes und bewährtes Team in jeder Situation zurück greifen zu können, erleichtert neben den notwendigen internen Abläufen vor allem den Umgang mit nichtalltäglichen Situationen wie es nun einmal die – von allen herbeigesehnte – Fundung bei Grabungen darstellen. Auch wenn der überwiegende Teil der Fundungen bei den Grabungen aus unspektakulären fragmentarischen Überresten und Spuren von Besiedelungen besteht, die im Wesentlichen vor allem nach einem disziplinierten Vorgehen bei den Grabungsarbeiten verlangen und aus vereinzelt auftretenden Artefakten und partiellen Fundanteilen (wie Scherben, Überresten aus Werkzeugen und Handwerksmaterialien), so ist es dennoch gerade für die jeweiligen eingeborenen Hilfskräfte vor Ort immer wieder auch eine emotionale Herausforderungen mit vermeintlichen Zeugen der eigenen Genese konfrontiert zu werden. Neben den immer wieder auftretenden Fragen des Besitzrechts solcher Fundungen (vgl. die Diskussion um die Elgin Marbles, welche heute im British Museum ausgestellt werden und jene Skulpturen und Fragmente von Bauten der Akropolis von Athen umfasst, die Lord Elgin 1801 aus der Akropolis herausbrechen liess und anschliessend an das British Museum verkaufte. Lord Elgin hatte zum Herausbrechen und Abtransport dieser Teile des Panathenäen-Frieses, einiger Metopen sowie Giebelstücke des Parthenon. Lord Elgin, als damaliger Botschafter im Osmanischen Reich hatte sich dazu eine Erlaubnis von Abdullah Kaimacan besorgt) sind es vor allem emotionale und bildungsrelevante Fragestellungen die in diesem Zusammenhang, sowohl für die unmittelbare Expeditionsarbeit als auch die nachfolgende wissenschaftliche Bearbeitung nicht ausser Acht gelassen werden dürfen. Die Konfrontation mit der Historie im als heimatlich empfundenen Umfeld wird in den bildungsfernen Schichten einer Sozietät meist von schwer zu definierenden Gefühlen eines diffusen Nationalismus geprägt, der leicht in Ressentiments gegenüber als fremd und auch elitär erlebten, von auswärts kommenden Experten umschlägt.

Die Unerlässlichkeit der Einbindung einheimischer Fachleute von Anbeginn der ersten arteologischen Expedition im Nordtiroler Inntal im Jahr 1982 und deren fortwährende kommunikative Präsenz – gerade auch in den Zeiträumen zwischen den mittlerweile sechs Expeditionen – kann derartige Vorkommnisse, die nur allzu leicht in Behinderung oder gar Verunmöglichung weiterer wissenschaftlicher Arbeit umschlagen können (oder auch Gefahr für Leib und Leben der Expeditionsteilnehmer mit sich bringen) weitestgehend hintanhalten. Denn immer wieder werden durch neueste Erkenntnisse, die sich aus der Analyse und Aufarbeitung von Funden, sowohl im arteologischen als auch archäologischen Bereich, ergeben, bisherige geschichtliche Narrative als falsch erkannt und führen dann zwingend zu einer Neuinterpretation und Neupositionierung der jeweiligen ethnischen Genese. Dass dabei meist verklärende und/oder heroisierende Selbstbilder fundamental korrigiert werden müssen, führt immer wieder zu einer vollständigen Aufhebung von bisher als unverrückbar erschienen tradierten historischen Codices, die insgesamt als Basis der eigenen Wertvorstellungen und des Selbstverständnisses dienten.

Die Miteinbeziehung des Archäologischen Instituts der Universität Innsbruck, die – seit 1982 begründete – Mitgliedschaft von Herrn Herwig Angerer und Herrn Dr. Armin Lengauer, sowie von Herrn Mag. Peter Stolz im Expeditionsteam verschafft den arteologischen Intentionen im Raum Nordtirol neben einem direkten Bezug zur Bevölkerung vor allem einen seriösen Zugang auf wissenschaftlicher Ebene, der von vornherein jeden Gedanken einer oktroyierenden Bevormundung ausschliessen hilft.

Diese Vertrauensbasis hat sich seit 1982 verstärkt und bewährt und findet ihren Niederschlag im routinierten und disziplinierten Bergungsablauf einer jeden Fundung, welcher auch seit der Expedition im Kaunertal (1997) schulungsmässig in der Vorbereitung der eingeborenen Hilfskräfte gelehrt und geübt wird.

regen, grabungshuegel nr 4, pitztal 1999, arteologie, dr. arkadaschSobald am Grabungshügel Nr. 4 die ersten Mauerungen freigelegt wurden, liess die Leiterin Frau Mag. Olga Frantisek diesen Geländeabschnitt absperren und meldete die Fundung an die Grabungsleitstelle. Sofort wurde mittels Zeltplanen der Fundort vor Regen geschützt und die weitere Grabungstätigkeit von lediglich zwei Personen (wobei bewusst auf eine einheimische Hilfskraft zurück gegriffen wurde) durchgeführt. Die Dokumentation lag dabei in den bewährten Händen des expeditionsfotografen und Aquarellisten Herrn Herwig Angerer. Gleichzeitig wurde der Bergungscontainer aktiviert, um für etwaige humanoide Funde vorbereitet zu sein. Vor Ort erfolgte eine Elektrifizierung für künstliche Beleuchtung, sowie die räumliche Zuweisung für Presseleute und Schaulustige. Der weitere Ablauf der Freilegung erfolgte gemäss den arteologischen Richtlinien.