Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15/3

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15/3

Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass durch die Präzession der Erdachse sowohl der Winterpunkt als auch der Sommerpunkt im Laufe von 25780 Jahren (dies entspricht einem Zyklus der Präzession) einmal durch den gesamten Tierkreis wandern. So lag etwa der Winterpunkt in der Antike im Sternbild des Steinbocks – daraus lässt sich auch der gängige Begriff „Wendekreis des Steinbocks“ erschliessen – und verschiebt sich bis in etwa 300 Jahren in das Sternbild des Schlangenträgers. Die gegensätzliche Begrifflichkeit des „Wendekreis des Krebses“, ergibt sich aus der Lage des Sommerpunktes in der frühen Antike, da dieser zu diesem Zeitraum im Sternbild des Krebses lag. Dies bedeutet, dass sich im Laufe von tausend Jahren die Verschiebung lediglich in einem Rahmen von 13,964 ° bewegt, und somit unter Miteinbeziehung sonstiger chronologisch verwertbarer Hinweise eine relativ genaue Datierung möglich ist. Die beiden Cult-Objecte aus der Grabung am Grabungshügel Nr. 4 der Expedition Pitztal können somit klar dem Beginn der Hocharteologischen Epoche (Hocharteologisches Zeitalter) zugerechnet werden.

cult-objecte, paarweise angeordnet, pitztal 1999, dr. arkadsch, arteologieBeide Cult-Objecte bestehen aus Metall und weisen in ihrer Form eine eindeutige gestalterische Zusammengehörigkeit auf.

Die nach Nordwesten hin sich in T-Form ausbreitende einfache Verastung hat eine maximale Spannbreite von 8,91 cm, wobei der linke, nach Südwesten strebende Arm dieses Cult-Objects von eine runden, vollmaterialigen Metallstange gebildet wird, die offensichtlich erst nach der Fertigstellung des eigentlichen Cult-Object-Körpers mittels einer metallurgischen Konnection angebracht wurde. Dieser linke, nach Südwesten zeigende Arm reicht jedoch nicht bis exakt zur gedachten achsialen Mitte des gesamten Cult-Objects, sondern endet bereits früher und geht damit eine symbiotisch-gestalterische Einheit mit dem aus einem flachen, gezackten Blechstück bestehenden, v-förmigen Klingenbereich des auslaufenden Griffstückes ein.

Der rechte, nach Nordosten hin zeigende Verastungsarm, weist eine starke metallene Verwindung in sich auf, wie sie nur durch thermische Bearbeitung erreicht werden kann. Dieser „Arm“ des Cult-Objects bildet in seiner Gestaltung einen klaren Gegensatz zur strengen geometrischen Form des linken Armteils und wirkt von seiner Struktur her betrachtet morphologisch, obgleich insgesamt durch die „T“-Form des Cult-Objects eine harmonische Wirkung erzielt wird.

Am Ende des Griffstücks befindet sich eine Bohrung, wie sie bisher auch bei den meisten Fundungen von derartigen Cult-Objecten gegeben ist. Generell ist vorab festzuhalten, dass bis auf die neuerliche Änderung der Formensprache sich ein klarer Zusammenhang mit den bisherigen diesbezüglichen Fundungen erschliesst. Dies erscheint auch durch die vorgefundenen Ritzungen von schriftartigen (?) Zeichen am Griffstück argumentativ belegbar, da die Art und Weise dieser Ritzungen sowohl in Ausarbeitung als auch Ausformung einer bewusst angefertigten Nachbildung früherer Cult-Objecte entsprechen.

Inwieweit wir es hier mit einer insgesamten Weiterentwicklung im Rahmen kultischer oder alltäglicher Verwendungen zu tun haben, wird sich im Rahmen der arteologischen Kontextualisierung herausstellen.

Das zweite dieser beiden beiden Cult-Objecte gehört als eine eigenständige und dennoch stringent zusammengehörige Hälfte zu einem bewusst inszenierten Gesamtgefüge, welches nicht nur aus den beiden Cult-Objecten besteht, sondern in der Einheit aus gemauertem Kubus, wasserdicht verschlossener Abdeckung und sorgfältigst implementierten Cult-Objecten betrachtet werden muss.

Die diametrale Entgegensetzung des zweiten Cult-Objects, als doppelt gespiegeltes „T“, erschliesst sich erst bei genauerer Betrachtung. Von der Formensprache und handwerklichen Ausarbeitung nahezu ident, entspricht die Lage zwar genau der Ausrichtung nach der Wintersonnenwende, beschliesst aber insgesamt einen gedachten Halbkreis, der aus einer geplanten Drehung des ersten Cult-Objectes um 180 ° gebildet wird. Dieser Kreisdurchmesser, der dem Verlauf der Sonnenachse zur Wintersonnenwende entspricht, weist eine Länge von 14,20 cm auf.