Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15/4

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15/4

Während die bisherigen Fundungen von Cult-Objecten überwiegend als donative Darbringungen in einem rituellen Umfeld interpretierbar sind-mit Ausnahme der Fundung des „Triptychons“ im Lechtal, 1992 – so erscheint nunmehr bereits die Art und Weise der Präsentation, respektive der Zur-Schau-Stellung (aktiv) oder Lagerung (passiv), als eine bewusst gesetzte Umsetzung geistiger und/oder geistlicher Überlegungen, die sich in der Symbolik der Anordnung der beiden Fundobjekte unverkennbar manifestieren.

Somit ist nicht nur die Formensprache samt ihrer Umsetzung im Material von genereller Bedeutung, vielmehr erschliesst erst die Gesamtheit aus den diametral, paarweise angeordneten Cult-Objecten in ihrem Bezug zum direkten Umfeld (steinerner Schrein, Kubus) und zum mythologischen Anspruch, der den Bogen vom lokal, individuellen Geschehen vor Ort bis hin zum kosmischen Ganzen, spannt, jene im Nordtiroler Raum erstmalig auftretende Bereitschaft jenseits der Dinglichkeit des Alltags in grösseren Zusammenhängen zu denken, bzw. denken zu lassen. Die achsiale Ausrichtung nach dem Sonnenstand zur Wintersonnenwende ist daher von soziohistorisch immenser Bedeutung und kann in seinen weiteren Auswirkungen nicht genug betont werden und stellt mithin den Übergang vom Arteologischen Zeitalter zum Hocharteologischen Zeitalter dar (sh. „Chronological Table of Arteology“, Dr. Arkadasch Dag, Freie Universität Izmir, 1982). Das Gemeinwesen definiert sich somit nicht mehr ausschliesslich über verschiedene hierarchisch, patriarchale Abstufungen der (Bluts)-Verwandtschaft zueinander und über die daraus sich im Laufe der Zeit entwickelten oder partizipatorisch übernommenen Traditionen und Riten, sondern richtet erstmalig ihren Fokus auf intellektuelle Fragestellungen, auch wenn die Beschäftigung damit ohne Zweifel den Eliten der Priesterschaft und der Führungskräfte vorbehalten war.

cult object, vorne, zeichnung, 1999, pitztal, arteologie, dr. arkadaschDies ging gleichzeitig mit einer bedeutenden Weiterentwicklung in der Formensprache als auch in der Kunst der Metallbearbeitung einher. Zum ersten Mal wurde hier im Nordtiroler Raum die Fähigkeit nachgewiesen, zwei verschiedene Metallstücke mittels einer dauerhaften physikalisch-technischen Methode zu verbinden. Es handelt sich hierbei um einen Feuer- oder Hammerschweissvorgang, wie er bereits seit 1500 v. Chr. in Kleinasien ausgeübt wurde und wiederum auf die Hethiter und Sumerer bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurückführbar ist. Dabei werden die im Feuer und unter Luftabschluss die beiden zu verbindenden Metalle in einen teigartigen Zustand gebracht und dann durch Hammerschläge miteinander verbunden. Dies erfordert grosses Gefühl durch die Handwerker, da es bei anfänglich zu starken Hammerschlägen zu einer Verprellung der zu verbindenden Teile kommt und somit eine Verbindung nicht mehr hergestellt werden kann. Das Eisen wird hierbei nicht aufgeschmolzen, sondern bei einer Temperatur von 1200 bis 1300 ° Celsius gefügt. Vorbereitend muss im Schmiedefeuer darauf geachtet werden, dass bei den zu verbindenden Werkstücken der Luftabschluss gewährleistet bleibt, da ansonsten die Oberflächen oxidieren. Dieser Luftabschluss wurde durch eine stark reduzierende Flamme und feinkörnigen Flusssand erreicht, wobei dieser Sand schwer zu finden war, da er den richtigen Schmelzpunkt für den Verschweissungsvorgang aufweisen musste.

Mit dieser, erstmalig in Nordtirol vorgefundenen Methode wurde bei den beiden Cult-Objecten, welche am Grabungshügel Nr. 4 im Pitztal gefunden wurden, der jeweils linke „Arm“ der Verastung angefügt. Ob davor eine serielle Fertigung der bisher üblichen Form der Cult-Objecte, mit zwei „Armen“, bzw. einem gerundeten, innen offenen Dreieckskopfteil als Ausgangsbasis hergestellt wurde, lässt sich zum gegebenen Zeitpunkt nicht belegen, gilt aber auf Grund der Einheitlichkeit der Form und Ausarbeitung des Griffstücks als sehr wahrscheinlich.