Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 15/5
Die folgende Beschreibung wurde für das nordöstlich gelegene Cult-Object der aus einer paarweisen Anordnung bestehenden dualen Gruppe von zwei Cult-Objecten im Detail angefertigt, gilt jedoch für den Bereich des Griffstücks auch für die südwestlich direkt angelegte Hälfte der beiden Cult-Objecte. Die genauen Unterschiede und deren exakte Abbildungen samt Beschreibung sind im „Arteologischer Bericht der Arteologischen Expedition in den Raum Nordtirol (Republik Österreich) der Freien Universität Izmir, Arteologisches Institut, Juli bis Oktober 1999“ zu entnehmen.
Die mineralogische Zusammensetzung der verwendeten Metalle hat in der metallurgischen Analyse der Cult-Objecte eine stimmige Fortsetzung der bisherigen Fundergebnisse im nordtirolerischen Alpenraum ergeben. Die dabei hergestellten Verhüttungsprodukte sind den üblichen Erzvorkommen des Alpenraums eindeutig zuordenbar und belegen eine kontinuierliche Verwendung von Metallen im alltäglichen Gebrauch der eingeborenen Menschen. Freilich ist festzustellen, dass – wie bei vielen rural dispositionierten und halbnomadischen Völkern – die Verwendung von Metallen für situativ bedingte Ausnahmen (rituelle Handlungen, Zeremonien, tradierte Brauchtumsformen) überwiegend zur Anwendung kam, während den üblichen Hauptwerkstoff, für nahezu jede denkbare Anwendung, heimische Hölzer lieferten. So wurden etwa bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sogar Kamine und Rauchabzüge von offenen Haushaltsfeuerstellen nach wie vor aus Lärchenholz hergestellt. Ebenso wurden Haushaltsgegenstände wie Kämme, Kochutensilien, Spielzeug, aber auch ganze landwirtschaftliche Maschinen und/oder mechanische Teile (Dreschmaschinen, Mühlen, Butterfässer etc.) aus Holz hergestellt. Wie wichtig dieser einheimische Werkstoff für die eingeborene Bevölkerung war und ist, zeigt sich in der Architektur und im Baustil Nordtirols, aber auch des gesamten Alpenraums (der klimatisch, vegetativ betrachtet eine einheitliche Bewuchszone darstellt). Die Wertigkeit dieses Rohstoffes verdeutlicht sich noch heute in vielen Familien-und Ortsnamen: Holzer, Holzmann, Hölzl (= Verkleinerungsform), Jungholz, Rotholz …
Metall und seine verarbeiteten Formen waren daher zwar allgemein bekannt, aber abgesehen von wenigen metallenen Gegenständen in der Haushaltsführung (Messer, Werkzeuge), gehörte ihr Besitz nicht zum leistbaren Allgemeingut. Dies drückt sich auch durch die künstlerische Kontinuität in der Formensprache der Cult-Objecte aus, die nun bereits über mindestens acht Generationen hinweg eindeutig kultischen Charakter aufweist und somit im Gebrauch der Priesterschaft und ihren rituellen Szenerien vorbehalten war. Die Formsprache findet zwar ihre Entsprechung in vereinfachter Weise in hölzernen, kopiehaften Anlehnungen, wie sie heute noch in diversen Zierschnitzereien von Balkonen und Balustraden im Nordtiroler Raum weit verbreitet sind, vermögen aber nicht jene formsprachliche Grundlage auszubilden, welche die Grundvoraussetzung für einen eigenen artifiziellen Ansatz begründet. Da im gegebenen Fall keinerlei dauerhafte okkupative Beherrschungsformen nachweisbar sind, ist von einer weitestgehend friedlichen, wohl durch transistale Beeinflussung entstandene Übernahme und Aneignung dieses kunsthandwerklichen Wissens auszugehen. Dass dabei fahrende Händler und Handwerker die notwendigen Impulse setzten und in Folge Niederlassungen transistal wandernder Clans im Zuge zu einer vorerst wohl lediglich geduldeten Koexistenz mit nichteingeborenen Siedlern führte, die erst in weiterer Generationsfolge sich in einer akzeptierten Elitenbildung dieser Einwanderergruppen niederschlug erscheint auf Grund der vergleichenden Analysen mit dem Wissenstand metallverarbeitender Völker als zwingend. Die technischen und handwerklichen Parallelen zum norditalienischen und helvetischen Kulturbereich (Grossraum Etrurien/Italien, Grabungsstätten rund um Mezzovico-Vira [CH] und Arbedo-Castione [CH]) sind zeitlich eindeutig und augenscheinlich. Somit ist auch in diesen Fall von keiner originären Leistung der eingeborenen nordtiroler Bevölkerung auszugehen, vielmehr handelt es sich um eine transistal bedingte Übernahme von ursprünglich kulturfremden Zivilisationstechniken. Die soziologische und kulturelle Grundstruktur der pitztaler Bevölkerung wurde daher nachweislich durch eine transistale Implementierung von nichteingeborenen Eliten dauerhaft geprägt.
Jedes der beiden Cult-Objecte besteht aus einem flachen, stark eisenhaltigen Grundblech in einer Materialstärke von durchschnittlich 2,3 bis 2,4 mm und ist insgesamt in Form eines grossen „T“ ausgebildet. Die Gesamtlänge diese liegenden „T“ beträgt 68,02 mm und der zwigestaltete Querbalken ist insgesamt 89,10 mm breit. Die abgerundete Basis des mit einer 5 mm Aufbohrung versehenen Griffstücks hat eine Breite von 15, 19 mm und verjüngt sich nach oben hin bis zu einer Länge von 50,01 mm auf ihren schmalsten Teil von 11,15 mm. Ab da verstrebt sich das Griffstück V-förmig jeweils nach aussen, um die zwei unterschiedlichst gestalteten Querteile zu formen. Die linke Verastung wird dabei durch ein 43,27 mm langes Rundmetall (Durchmesser 7,50 mm) gebildet, das an seinem zum Griffstück hin führenden Anschlussteil nach 26,50 mm im Hammerschweissverfahren an die dortige Verstrebung des Griffstücks angeschmiedet wurde. Dadurch konnte auch lediglich die linke Hälfte des zweiwelligen Flachstücks beibehalten werden, welches bei den bisherig vorgefundenen Cult-Objecten eine verwendbare operative Werkzeugssystematik gewährleistete. Der Wellenkamm dieses Flachstücks erhebt sich nach 5,31 mm, gemessen vom unteren Kantenpunkt der runden Querstrebe und findet im nachfolgenden 5,10 mm langen Wellental seinen Übergang zur linken Verastung. Ein handwerklicher Einsatz dieser Gerätschaft erscheint damit verunmöglicht. Somit haben wir es erstmalig mit einer gewollten Weiterentwicklung zu ausschliesslich artifiziellem Gebrauch zu tun, die fernab einer logischen alltäglichen Verwendbarkeit den Schluss einer rein kultisch bedingten Nutzung nahelegt.
Die rechte Verastung besteht aus einer nachbearbeiteten, gedrehten Verformung, welche mit Hilfe von Hitze (Feuerungsspuren) vorgenommen wurde. Die leicht nach oben weisende Verformung erreicht nach 17,94 mm (gemessen ab dem Anschlusspunkt zum flachstückigen Wellental) ihren Scheitel und endet nach weiteren 14,95 mm in einem abgeflachten Endstück (Querriss 6,55 mm). Die nach unten, zum Griffstück hin, ausgebildete 4,51 mm breite Lasche kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt lediglich spekulativ bewertet werden.
Die mittels Ritztechnik in das Griffstück eingebrachten schriftartigen Zeichen entsprechen ident den letzten im Nordtiroler Raum gefunden Ritzungen auf Cult-Objecten. Dabei ist von einer durch handwerkliche Routinen gefestigten Kopiertechnik auszugehen, da weder in der Formgebung noch in der technischen Ausführung diesbezüglich auf Fortentwicklung oder bewusste Innovation zu schliessen ist. Vielmehr wird dadurch der tradierende Ansatz ritueller Vorgaben betont, der – bei aller augenscheinlichen Veränderung der Verastungen – eine formimanente Grösse darstellt.
Die Rückansicht der Cult-Objecte weist die bereits typische, an den Rändern durchgehende Materialversteifung durch eine bewusste Eindrehung der Kanten in abgerundeter Form auf. Die dadurch erreichte Versteifung der Gesamtform verhilft zu einer grösseren, optischen Plastizität und unterstützt dabei die insgesamte ästhetische Ausgewogenheit der Objekte und neutralisiert die ansonsten doch vordergründig grobe Gestaltung der beiden Verastungen.
Die Oberflächen weisen eine klare Trennung in ihrer Behandlung auf. Während die Griffstücke sowohl an ihrer gerundeten Vorderseite als auch an der nach innen gebogenen Rückseite sorgfältig geglättet wurden, kann lediglich am nachträglich angebrachten linken Rundmetallteilstück eine Feinverschleifung festgestellt werden. Der rechte Arm der Verastung wurde hingegen nach seiner durch Drehung erfolgten Verformung keinerlei verfeinernden Bearbeitung mehr unterzogen, sondern stellt in seiner Ungeschliffenheit einen bewusst gesetzten Kontrapunkt im Gesamtensemble dar.