Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 17
Um den 27. Juli herum besserte sich allmählich die Wettersituation. Das hartnäckige Tiefdrucksystem, das im gesamten Gebiet der Alpen seit fast zwei Wochen wetterbestimmend war und sich durch starke lokale Regenfälle aber auch einem eklatanten Temperaturrückgang in allen Höhenlagen charakterisierte, wich den ersten zögerlichen Ansätzen von wenigen Sonnenstunden und immer wieder länger anhaltenden Regenpausen. Die Schneefallgrenze erreichte Höhenlagen um die 1100 bis 1000 m, und dies bedeutete, dass einige Passübergänge vorübergehend unpassierbar und tief winterlich verschneit waren. Umgekehrt vermindern diese Schneefälle in den Bergen bei derartig ausgedehnten Tiefdruckgebieten die Wahrscheinlichkeit von Muren und Überschwemmungen, da bedingt durch eine zeitlich verlangsamte Abschmelzung der Schneeschicht eine verzögerte Abfliessung der Oberflächenwässer garantiert ist und somit die Entwässerung durch die Bachläufe und deren Weitergabe an den Innfluss die Gesamtquerschnittsmenge der transportierten Wassermenge auf einen längeren Zeitraum ausdehnt und insgesamt jene Mengenspitzen vermieden werden, welche lediglich durch Überschwemmungen insoweit ausgleichbar sind, bis die natürliche Abflussmenge das Überangebot an einströmenden Oberflächenwassern zeitversetzt zu kompensieren vermag.
Für die Region Nordtirol stellen die Sommermonate ohnehin die niederschlagsreichste Zeit des Jahres dar und somit sind derartige Wetterphänomene als jahreszeitlich bedingte Normalität zu betrachten. Bedingt durch das alpine Umfeld und das am Ostrand der Alpen (ca. 350 km Luftlinie vom Pitztal Richtung Osten gemessen) auflaufende Gebiet des kontinentalen (asiatisch-eurasischen) Klimas, gerät der Bereich der Nordtiroler Alpen immer wieder in starke atlantische Nordwestströmungen, die an der Wetterbarriere der Alpen um diese Zeit ihr Hauptniederschlagsgebiet finden. So ist im Juli im Pitztal im Durchschnitt mit bis zu 18 Regentagen zu rechnen, wobei die Temperaturen sich im Mittel zwischen 13 und 15 ° Celsius bewegen. Dass dabei auch an wenigen Tagen sommerlich heisse 30 °, oder umgekehrt lediglich 6 ° Celsius vereinzelt zu verzeichnen sind, erschliesst sich folgerichtig bei genauer Analyse dieser Wetterwerte.
Selbstverständlich werden derartige Fakten bereits in der Vorplanung einer Expedition berücksichtigt, doch im Endeffekt können lediglich prophylaktische Massnahmen bei Ausrüstung und Equipment vorsorglich getroffen werden. Letztendlich gilt es immer dann vor Ort sich den herrschenden Bedingungen bestmöglich anzupassen und die avisierten Arbeitsziele entsprechend umzusetzen.
Mit dem Abklingen der Schlechtwetterperiode wurden auch die Grabungen an den Uferbereichen des Grillerbaches insoweit abgeschlossen, als dass nunmehr die eigentliche Grabungstätigkeit im ausgewiesenen Hauptgrabungsgebiet in Angriff genommen werden konnte. Die stetig zahlreicher werdenden Sonnenfenster und der bisherige Fundungserfolg am Grabungshügel Nr. 4, sowie das rege öffentliche Interesse im Zuge der Fundung der dual angeordneten Cult-Objecte, schlugen sich in einer generell positiven Gesamtstimmung nieder, die nicht nur das eigentliche Expeditionsteam, sondern auch die eingeborenen Grabungshilfskräfte mit einschloss. Ein offizielles geselliges Beisammensein, zu dem Dr. Arkadsch Dag das gesamte Personal dieser Expedition mitsamt Familienangehörigen am Abend des 27. Juli einlud und zu dem auch die politischen und gesellschaftlichen Eliten der Gemeinden Wenns und Arzl geladen waren, diente neben der Festigung der gegenseitigen Beziehungen auch der genauen Ankündigung des weiteren Grabungsverlaufes in den nächsten Wochen. Der Ortsvorstand der Gemeinde Wenns („Bürgermeister“) organisierte dazu eine Aufführung der örtlichen Schützenkompanie sowie der Brauchtumsgruppe, die mit verschiedenen exotisch wirkenden Tanz- und Gesangseinlagen (gemischtgeschlechtlich) einen interessanten Einblick in die gegenwärtigen Traditionen dieser Talschaft ermöglichte.