Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 18
Wie in allen ländlichen Gebieten weltweit, ist auch das Selbstbild der inneralpinen Rand- und Marginalitätsregionen von starken Traditionen und relativ strengen, konservativen Wertvorstellungen geprägt, welche die gesamte Lebensszenerie der jeweilig eingeborenen Bevölkerung von der Geburt bis zum Tod begleitet. Sofern es nicht gelingt „moderne“ oder „fortschrittliche“ Beeinflussungen von aussen für den eigenen Wertekanon zu adaptieren, erfolgt eine geschlossen wirkende Ablehnung, die es scheinbar nahezu verunmöglicht, Korrekturen und/oder sinnvolle Übernahmen zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen. Diese nach aussen getragene Härte und Robustheit wird jedoch umgehend aufgegeben, sobald merkantile Überlegungen und Interessen ins Spiel kommen. So wird beispielsweise im Pitztal (aber auch im gesamten Nordtiroler Raum) unter dem Primat des Tourismus, das ansonsten strengst abgelehnte Gewerbe der Prostitution in touristischen Betrieben und Bars sowohl gesetzlich als auch gesellschaftlich geduldet – allerdings unter der fragwürdigen Prämisse, dass es sich bei den dienstleistenden Damen keinesfalls um einheimische Frauen handeln darf. Dass gerade diese ungeschriebene Norm den einen oder anderen eingeborenen Mann erst recht zu nachtschlafener Zeit und unter rauschhaftem Einfluss von Alkohol zum mehr als neugierigen Kunden akquiriert, wird mittlerweile nicht einmal mehr von offizieller Seite dementiert. Zwar ist Nordtirol im europäischen Vergleich noch immer als durchschnittlich bis schwach mit Internetanschlüssen versehen, doch ist dies einerseits auf die relativ geringe Durchsetzung der privaten Haushalte mit PCs zurückzuführen und andererseits auf die typisch eingeborenen Skepsis der Bewohner gegenüber technischen Erneuerungen, die jedoch zweifelsfrei bei vorliegen geldwerter Vorteile einer nahezu streberhaften An- und Verwendung weicht.
Der Gegensatz zwischen moderner, raschlebiger Gegenwart und vermeintlich sicherer, beschaulicher Tradition zeigt sich besonders bei der Jugend und den jungen Erwachsenen (sofern sie nicht in die grösseren Städte und Zentren abgewandert sind) in offen ersichtlichen Diskrepanzen, wie etwa dem zeitweise hemmungslosen Zuspruch der kulturimanenten Droge Alkohol. War der Konsum dieses Rauschmittels bis vor circa 40 Jahren noch ausschliesslich im öffentlichen Raum auf Erwachsene über 21 Jahre gesetzlich beschränkt, so ist diese Grenze mittlerweile für Bier und Wein auf 16 Jahre gesenkt worden – mit allen damit einhergehenden Folgeerscheinungen. Zudem bestand das übliche und leistbare Angebot aus Alkoholika überwiegend aus wenigen Biersorten, säuerlichem Rotwein aus dem benachbarten Südtirol und selbstgebrannten Schnäpsen (wobei hier interessanterweise gesetzlich jeder Besitzer eines Obstbaums das Recht auf eigene Destilliere besitzt). Mit dem wirtschaftlichen Erfolg des Tourismus hielten jedoch bisher unbekannte alkoholische Getränke in verschiedenen Mischungen mit nichteinheimischen, überwiegend künstlich erzeugten limonadeartigen Getränken Einzug, die vorwiegend von Jugendlichen und jungen Menschen beiderlei Geschlechts, besonders am Wochenende, in gruppendynamischen Prozessen bis hin zu komatösen Ausfallserscheinungen konsumiert werden.
Dies zeigte sich auch bei der gemeinsamen Feier am Abend des 27. Juli 1999. Bereits beim offiziellen Teil dieser Feier wurde von den zwei weiblichen Mitgliedern der Schützenkompanie – sie werden Marketenderinnen (von italienisch mercatante oder mercadante, Nebenform zu mercante „Händler“) genannt, in Anlehnung an die Begleiter und Begleiterinnen der Armeen und Heere, beginnend von den altägyptischen Heeren bis herauf ins beginnende 20. Jahrhundert, wobei festzuhalten ist, dass es sich bei diesen Frauen der tiroler Schützenkompanien (und Blasmusikkapellen) um unverheiratete junge Frauen von gutem Ruf handelt. Um so erstaunlicher wirkt daher die Tatsache, dass diese junge Frauen zu ihrer lokalen Tracht mit einem hölzernen Umhängefass, das mit hochprozentigem Schnaps gefüllt ist, ausgestattet sind, mit dem sie dann reihum gehen und gegen ein kleines Entgelt diesen Schnaps an die anwesenden Gäste und das Publikum ausschenken. Es gilt dabei als unschicklich ein derartiges Angebot abzulehnen und ist für die jeweiligen Ehrengäste geradezu ein Muss an diesem Umtrunk (der immer aus einem einzigen metallenen Becher gereicht wird) teilzunehmen. Da zudem ständig Wein und Bier gereicht wird, ist es erstaunlich wie lange trotzdem eine gesittete und höfliche Atmosphäre bei derartigen Anlässen gewahrt wird. Erst zu späterer Stunde, wenn die überwiegende Zahl der Ehrengäste und älteren Teilnehmer sich verabschiedet hat, kommt es dann zu entsprechend rauschhaften Szenerien, die aber insoweit als normal und geduldet zu betrachten sind, als sie am nächsten Tag zu keinerlei Ausfällen in den alltäglichen Arbeitsroutinen führen.
Jede Kultur besitzt ihre eigenen Rauschmittel und ihre eigenen Traditionen im Umgang damit. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass gerade im alpinen Raum der immer weiter zunehmende Massentourismus der letzten drei Jahrzehnte zu einer bisher unbekannten Fülle von bisher nicht kulturimanenten Rauschmitteln geführt hat, die im gesellschaftlichen Gefüge weder traditionell noch kulturell positiv implementiert werden konnten.
Gerade hier vermag die Arteologie im Selbstverständnis einer Gemeinschaft jene Ansätze zu vermitteln, die als grundlegende Hilfestellung bei der Erarbeitung einer eigenständigen, aus der eigenen Historie entwickelten Aufarbeitung und Applikation dienen können.