Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 22

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 22

Bei allem Verständnis gegenüber den ortsüblichen Gepflogenheiten und Traditionen muss das Primat der wissenschaftlichen Arbeiten und Zielsetzungen trotzdem an oberster Stelle stehen und mittels einer argumentativen Kompromisslosigkeit ausser Streit gestellt bleiben. Lediglich in der Wahl der jeweiligen Aufarbeitung von Fundungen oder in der kommunikativen Ausgestaltung der entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit kann und soll auf jeweils lokale Befindlichkeiten Rücksicht genommen werden. Es ist deshalb wesentlich mit ausschlaggebend für den Erfolg einer Expedition, bei der Auswahl von Teilnehmern und Teilnehmerinnen, welche der im weiteren Sinne zu beforschenden Bevölkerungsgruppe angehören (wobei hier durchaus in den jeweiligen lokalpatriotischen, historischen Verdrängungstendenzen mitgedacht werden muss), nicht nur auf versierte Fachkräfte zurück zu greifen, sondern im gleichen Ausmass auch auf Personen die einzig einem strengen wissenschaftlichen Denken verhaftet sind, welches letztendlich wohl als einziges das scheuklappenbehaftete Bedienen eigener tradierter Überlieferungen einer vernunftgebundenen und offenen Analyse unterzuordnen vermag. Diese Form einer beschönenden Wahrnehmung der eigenen Geschichte ist in allen Kulturen zu finden und kein Spezifikum unaufgeklärter, vordemokratischer Gesellschaften, auch wenn insbesondere in hierarchisch, patriarchalisch gegliederten, rural strukturierten Gemeinschaften die Verwurzelung derartiger Denkmuster wesentlich deutlicher zu Tage tritt.

Das Team um Dr. Arkadasch Dag bestand daher nachdrücklich auf einer rigorosen Berücksichtigung aller arbeitstechnischen Abläufe, sowie einer peniblen Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeiten, unabhängig von Wetter und/oder gesellschaftlichen Verpflichtungen. Der Kontakt mit einheimischen Besuchern und Touristen, als auch die Abwicklungen der geführten Besichtigungen lag daher ausschliesslich in der Hand von Mitarbeitern des Expeditionsteams. Auf diese Weise konnte der arteologisch-wissenschaftliche Kontext gewahrt bleiben und auf die Partizipation der eingeborenen Hilfskräfte in ihrem angestammten und zu bewältigenden Bereich des Grabens, Siebens und Sortierens hingewiesen werden.

Über ein Monat lang, bis zum 12. September 1999 wurde das Hauptgrabungsgebiet systematisch untersucht. Dabei wurden insgesamt 56 europäische LKW – Aufbauten an Grabungsgut händisch gefördert und gesiebt. Dies entspricht einer Materialkubatur von über 320 m³, die geborgen, transportiert, sortiert und deponiert werden mussten. Die Fundungen dabei beschränkten sich auf einige wenige Tonscherben und ein steinernes Fundament aus Bachsteinen, welches aber zeitlich unzweifelhaft lediglich dem Zeitraum um 1450 n. Chr. zuordenbar ist. Die anfängliche Begeisterung der eingeborenen Hilfskräfte schwand dabei zusehends und vereinzelt tauchten Fragestellungen nach der Sinnhaftigkeit weiterer Grabungsarbeiten auf. Diese Situationen wurden durch den expliziten Verweis auf die Arbeitsverträge und durch vermehrte und fortlaufende Kontrollen im Ansatz gelöst, wobei insgesamt die anfänglich sehr positive Stimmung zusehends wich und eher stupiden und streng motorischen Arbeitsabläufen sich annäherte.

hunanoider fund, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDer humanoide Fund am Morgen des 12. September 1999 wäre daher beinahe übersehen worden: die Grabungstruppe um Mag. Peter Stolz reinigte und erweiterte an diesem Morgen den Sondierungsgraben, der direkt südlich an die mobile Grabungsleitstelle anschloss, um auf diese Weise den Abtransport von Blindmaterial zum Expeditionslager zu erleichtern. Dabei wurde am südlichen Ausläufer des Sondierungsgrabens eine in sich lose Schotterschüttung freigelegt und zum Abtransport vorbereitet. Es ist der Aufmerksamkeit von Mag. Peter Stolz, dem Polyglaciologen der Expedition zu verdanken, dass er umgehend die Arbeiten einstellen lies, das bisher geborgene Material vorsorglich separierte und das entsprechende Gelände absperrte, um so eine eingehende arteologischen Analyse zu ermöglichen. Die Hilfskräfte wurden vorzeitig in die Vormittagspause entlassen und mit dem gesamten arteologischen Team vor Ort die erforderlichen Arbeitsschritte eingeleitet.