Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 22/3

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 22/3

Im Nachhinein werden viele Fundungen und Entdeckungen im Bereich der Wissenschaften oftmals als unerwartete und spektakuläre Ergebnisse eines glücklichen Zufalls dargestellt, wie etwa bei den ersten Fundungen der Qumran- Schriftrollen (im Winter 1946/47 steigt der 15-jährige Beduine Muhammed edh-Dhib in die erste Höhle von Qumran, die sein Cousin Juma Muhammed zwei Tage zuvor durch Zufall entdeckt hatte). Generell ist jedoch festzuhalten, dass der weitaus überwiegende Teil von Fundungen anhand wissenschaftlicher Grundlagenforschungen entdeckt und geborgen werden kann. Gerade die zunehmenden Möglichkeiten modernster Forschungsmethoden (Luftbildaufnahmen, geologisch-röntgenologische Analysen, Bodenproben etc.) erleichtern hier zusätzlich die Arbeit der verschiedenen Wissensgebiete und bieten zudem hervorragendes Basismaterial für weiterführende, interdisziplinäre Forschungen. Neben den grundlegenden Arbeitstechniken sind jedoch sehr oft die Aufmerksamkeit und das wissenschaftliche Gespür der Forscherinnen und Forscher vor Ort letztendlich für einen tatsächlichen Grabungserfolg ausschlaggebend, wenn es gilt aus scheinbaren Nebensächlichkeiten unmittelbar auf fundrelevante Gegebenheiten zu schliessen, ehe diese Vorkommen im allgemeinen Arbeitsablauf teilweise unwiederbringlich beschädigt oder gar zerstört werden. Es ist der Aufmerksamkeit von Mag. Peter Stolz, dem Polyglaciologen dieser arteologischen Expeditionen zu verdanken, dass er umgehend die artifizielle Struktur dieser Schotterschüttung erkannte und sofort die erforderlichen arteologischen Massnahmen einleitete, ehe durch die üblichen Arbeiten der eingeborenen Hilfskräfte eine nachhaltige Schädigung eintreten konnte.

humanoider fund, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDie entsprechenden Arbeiten dauerten bis in die frühen Abendstunden des 12. Septembers. Schicht für Schicht wurde dabei im Geviertbereich der Trockenmauerung kieseliges Material abgetragen, ohne dabei auch nur auf einen einzigen Fund zu stossen. Die anfängliche Erwartungshaltung des gesamten Expeditionsteams wich einer zunehmenden, routinierten Vorgangsweise, ehe um ca. 17:00 Uhr erst ein und dann ein zweiter fingerartiger, organischer Fund ausgegraben wurde.

Beide Fundstücke waren mit einer dicken, kalkartigen Belagsschicht überzogen, wissen jedoch – im Gegensatz zu bisherigen organsichen Funden in Nordtirol – keinerlei direkte Einbettung in eine architektonische Baulichkeit vor, abgesehen von der insgesamten Umfriedung durch die bereits beschriebene Schotterschüttung. Weder von der Fundlage, noch vom umgebenden Material her gab es irgendeinen spezisierenden Hinweis auf formale Beabsichtigungen, die eine Erstanalyse dieser Fundungen zu- und einordenbar definierte.

Mit der unmittelbaren anatomisch-pathologischen Diagnose durch den Expeditionsarzt Dr. Armin Lengauer konnte jedoch zweifelsfrei festgestellt werden, dass es sich bei diesen beiden organischen Fundungen eindeutig um menschliche Extremitäten handelt, welche jedoch nicht zwingend von einer einzigen Person und/oder Hand stammen müssen. Selbst die Frage nach ihrer arteologischen Relevanz konnte zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs beantwortet werden.

humanoider fund, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDie Bergung dieser beiden Extremitäten erfolgte entsprechend den arteologischen Grabungsparametern.

Der gesamte Bereich dieser Schotterschüttung wurde an diesem Tag unter Einsatz künstlicher Beleuchtung noch freigelegt, da die Wettervorhersage für die kommenden Tage eventuelle Regenschauer prognostizierte. Dabei konnten keinerlei weitere Fundstücke mehr ausgegraben werden. Auch die in den nächsten Tagen vorgenommenen Siebungen des Aushubmaterials zeitigten keine zusätzlichen Ergebnisse, weder im Hinblick auf Alltagsmaterialien noch kultische und/oder grabähnliche Beigaben.