Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23
Die folgenden Wochen waren hauptsächlich der Aufarbeitung und spezifischen Sichtung des sekundären Grabungsmaterials gewidmet. Die gesamte Kubatur der Erden und schottrigen Schichten die im Bereich der vier Grabungshügel entlang des Grillerbachs und des Hauptgrabungsgeländes aufgebracht worden waren, wurden einer diffizilen unterzogen. Neben den obligatorischen Trocken- und Sickersiebverfahren war es erforderlich selbst den kleinsten Hinweisen auf Spuren von arteologischen Artefakten entsprechend nachzugehen und im Ausschlussverfahren die tatsächliche Relevanz entsprechender Funde zu belegen. Dabei erschwerend erwies sich die Tatsache, dass durch die agrarische Nutzung dieser Bodenflächen – die ja durch die relativ neigungsarme Geländestruktur seit alters her landwirtschaftlich bearbeitet wurden – es zu mehreren Arrondierungen gekommen war, welche in ihrem dadurch entstandenen Grenzbereich mittels Einebnungen, Abmauerungen und Rodungen im unterschiedlichen Ausmasse zu nachhaltigen Eingriffen im natürlichen Bodengefüge geführt hatten. Diese Auswirkungen wurden durch Stichgrabungen, welche an den Messpunkten stets bis zur gewachsenen Grundbodenstruktur im Gelände eingeschnitten wurden, sowohl geologisch erfasst und kartiert, als auch mittels Bodenanalysen einer zeitlichen Zuordnung unterzogen. Das sich daraus ergebende Bild stimmt im Wesentlichen mit den bisherigen Annahmen der Besiedelungsvorgänge des vorderen Pitztals überein, beinhaltet jedoch auch die Tatsache, dass durch diese manipulativen Eingriffe der jeweiligen Bewohner und Nutzer die ursprünglichen Schichtungen dergestalt und so nachhaltig verändert wurden, dass weitere arteologische Fundungen in diesem Bereich eher zufällig denn durch Planung und Vorabexpertise zu erreichen sind. Dies gilt umso mehr im Bereich der Trassenführungen der gegenwärtigen Verläufe der Verkehrswege, da hier mangels archäologischer und/oder arteologischer Prämissen durchwegs mit schwerem Gerät gearbeitet wurde und es zudem zur Einbringung lokalfremder Gesteins- und Schottermassen in einem hohen Ausmass kam, die zudem durch die notwendigen Verdichtungsmassnahmen im Unterbau der Trassen eventuell vorhandene Fundungen restlos zerstörten.
Gleichwohl gilt dennoch die genaue und akribische Sichtung des vorhandenen Grabungsgrundmaterials gerade und besonders im Hinblick auf das Fehlen von weiteren Fundungen als Grundvoraussetzungen um definitiv einen Grabungsort abschliessend einer Beurteilung zuführen zu können.
Diese arteologischen Routinen ermöglichten es dem Expeditionsteam sich vor Ort mit der oralen als auch schriftlichen Überlieferung von lokalen Mythen, Märchen und Sagen verstärkt auseinander zu setzen und dabei explizit in arteologischer Hinsicht die Vielschichtigkeit und auch Differenzierungen zu beforschen. Hierbei zeigte sich, dass zwar der Gesamtduktus relativ konstant im Storytelling prolongiert wurde und wird, es jedoch in spezifischen Bereichen zu gravierenden Veränderungen im Inhalt als auch in der Ausrichtung der thematischen Vorgaben kommen konnte und kann.
In zahlreichen Interviews mit alteingesessenen und über Generationen in diesem talgebiet verwurzelten Familien kristallisierte sich dabei immer stärker die bisher wenig beachtete Überlieferung des Mythos um das „Pitztaler Sonnenrad“ heraus. Dieses „Pitztaler Sonnenrad“ findet sich sowohl in verschiedenen Lüftlmalereien als ornamentaler Schmuck auf alten Hausfassaden wieder, als auch – und dies ist ein bisher in diesem Zusammenhang unbeachteter Bereich – als heute noch deutlich erkennbare Ritzung an mehreren Steinen und Felsen im erweiterten Umland des Gemeindegebietes der Gemeinden Wenns und Jerzens.
Im Volksmund werden diese Steine als „Pitztoler Stoan“ (Pitztaler Stein) oder noch kürzer, schlicht als „Pitzastoan“ (Pitzerstein) bezeichnet. Derartige Steinritzungen in verschiedenster Ausführung wurden auch in Valcamonica (auch Val Vamonica) im norditalienischen Valcamonica (Lombardei, Provinz Brescia, Italien) gefunden, der weltweit grössten Fundregion prähistorischer Petroglyphen. Die Felsritzungen sind dort auf einer Strecke von 25 km über das Tal verteilt und liegen auf einer Höhe zwischen 20 und 1400 m über dem Meeresspiegel.
Insbesondere erscheint hier die Zeit des Neolithikums (6000 bis 3300 v. Chr.) interessant, bei der die Adorantendarstellung zunehmend mit Objekten (Scheiben, Beile oder Tiere) und/oder weiteren anthropomorphen Wesen kombiniert wurden. Ab Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends kommen vermehrt abstrakte Symbole bei diesen Felsritzungen hinzu, wie Mäander, Zickzackmuster, konzentrische Kreise und Sonnenräder.
Die Ähnlichkeit in Gestaltung, Formgebung und Ausführung zu den im vorderen Pitztal vorgefundenen „Pitzersteinen“ konnte durch das Team um Dr. Arkadasch eindeutig nachgewiesen und belegt werden.