Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23/2

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23/2

Am 12. September 1999 wurden sämtliche fünf bekannten Fundstellen der „Pitzersteine“ nach arteologischen Parametern erfasst:

1)    Die genaue Lokalisierung der jeweiligen Felsritzungen erfolgte kartografisch, verbunden mit einer ersten verbalen Beschreibung des jeweiligen Stand-, Liegeortes und einer entsprechenden formalen Katalogisierung (Findling, gewachsener Fels, monolithischer Einzelblock)

2)    Der Expeditionsfotograf und Aquarellist Herwig Angerer fertigte jeweils eine spezifische Fotodokumentation an, wobei auf Einnordung der Bildführung und jeweilige künstliche Ausleuchtung der – teilweise stark verwitterten – Ritzungen geachtet wurde.

3)    Mittels Frottagen wurde abschliessend von jedem dieser fünf „Pitzersteinen“ im Schwarz-Weiss-Verfahren die Oberflächenstruktur in eine massgetreue zweidimensionale Darstellung übernommen.

frottage, pitzerstein, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDie Ausarbeitung der Fotografien erfolgte umgehend mittels eines digitalen Bildbearbeitungsprogrammes, wobei hier jedoch keinerlei inhaltliche Veränderungen vorgenommen werden durften, lediglich die Kontrastierung und Scharfstellung wurde im Sinne einer optischen Optimierung entsprechend verstärkt und anschliessend sowohl digital gedruckt, als auch im analogen, fotografischen Entwicklungsverfahren als Schwarz-Weiss-Fotografie ausgearbeitet. Desgleichen erfolgte eine zusätzliche Archivierung und Vervielfältigung der Frottagen mithilfe von Hochleistungskopien, die an der Fakultät für Architektur der Universität Innsbruck angefertigt wurden. Die dauerhafte Fixierung und Imprägnierung der Originalfrottagen oblag dem bewährten Team um Prof. Norbert Eisner.

sonnenbrot, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieIm Gemeindesaal der Gemeinde Wenns stellte Dr. Arkadasch Dag am 25. September der interessierten eingeborenen Bevölkerung in einem Vortrag diese ersten Bestandsaufnahmen der „Pitzersteine“ vor und bat gleichzeitig um weitere Zusammenarbeit im Hinblick auf eventuell zusätzliche volkskundliche Entsprechungen. Es wurden dabei zwar keinerlei weitere, bisher unbekannte Vorkommen von „Pitzersteinen“ angesprochen, jedoch lieferte die ehemalige Bäckermeisterin des Dorfes mit ihrem Gastgeschenk einen entscheidenden Hinweis auf die ursprüngliche Herkunftsgeschichte dieser „Pitzersteine“: Ihr Gastgeschenk bestand aus zwei traditionell gebackenen Fladenbroten aus Roggen, die in ihrer Form erstaunliche Parallelitäten zu den „Pitzersteinen“ aufwiesen. Dieses Gebäck ist als kreisrunder, eher flach gehaltener Teigfladen ausgeführt und wird bereits vor dem eigentlichen Backvorgang mit Hilfe eines Messers tortenhaft eingeschnitten, sodass sich daraus mit Abschluss des Backens entsprechende Sollbruchstellen ergeben, die es ermöglichen das Brot ohne Zuhilfenahme eines Schneidewerkzeuges in keilförmige, verzehrtaugliche Stücke zu zerteilen. Im Volksmund wird dieses Gebäck als Sonnenbrot („Sonnenbreatl“) bezeichnet und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Die Rezeptur wird dabei meist mündlich von der Mutter zur Tochter übergeben und unterscheidet sich im Wesentlichen lediglich durch individuelle Würzvorlieben oder anhand der zeitlichen Teigführung. Es handelt sich bei dieser Brotform um ein reines Roggenbrot, wobei hier auch heute noch überwiegend heimisches Getreide zur Verwendung gelangt. Da bei der Herstellung (meistens) auf die Verwendung von Hefe oder künstlichen Teigtriebhilfen verzichtet wird und stattdessen nach wie vor die dreistufige Führung mittels angestelltem Sauerteig erfolgt, ist hierbei von einer sehr ursprünglichen Tradition auszugehen, die ihre Wurzeln zumindest im ausgehenden Arteologischen Zeitalter verorten lässt.

Eingehende nachfolgende Untersuchungen zeigten, dass diese Brotform sich über weite Teile des alpinen Raums – Nord-, Süd-, Osttirol, Schweizer Alpen bis hin zu den Französischen Alpen und den Gebieten des nördlichen Apennins in der einen oder anderen Ausgestaltung wiederfindet, wobei jedoch die typische, radhafte Gestaltung lediglich im Pitztal vorkommt.