Pitztal, Juli - Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23/3

Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23/3

Die Panetologin Dr. Sabrina Walters (University of Winnipeg) beschreibt in ihren Ausführungen „Bread – A unique History of human Settlement“ (Meyers, Chicago, 1972) bereits die unterschiedlichen Brotformen im europäischen Alpenraum, wobei sie hier nicht nur eine kulinarische, sondern auch klimatische und partiell damit korrespondierende Grenze zieht zwischen der Brotentwicklung aus Weizen und weizenähnlichen Getreiden (Weichweizen [Triticun aestivum], Dinkel [Triticum aestivum subsp. spelta], Emmer [Triticum dicoccon], Hartweizen [Triticum durum], Einkorn [Triticum monococcum], u.a.), sowie Roggen (Secale cereale) und Gerste (Hordeum vulgare), wobei die Gerste als eine der ältesten Getreidesorten sowohl in den mediterranen Gebieten als auch in den Gebieten nördlicher Breiten in unterschiedlichen Formen (Brot, Warmnahrung, Futtermittel, Bier …) zur Verwendung kam und kommt. Laut Walters ist jedoch die Verwendung von Roggen zur Brotherstellung typisch mit dem germanischen Kulturkreis Europas verbunden und erstreckt sich über die Länder des heutigen skandinavischen Raums bis hin zu den klimatisch ähnlich gelagerten Bereichen der Alpen und ihrer Ausläufer. Dabei beschreibt sie nicht nur die reinen Roggenbrote mit ihrer typischen Herstellung aus Sauerteig, sondern auch die verschiedenen Mischformen aus Roggen und Weizen, bis hin zu lokalspezifischen Rezepturen, die teils der Kargheit der jeweiligen Regionen entsprechen, oder aber wirtschaftlicher Not gehorchend, als Streckungsmittel bei der Brotherstellung beigemengt wurden. Dies reicht von Mehl aus der Edelkastanie (Castanea sativa), einem Buchengewächs (Fagaceae), bis hin zu Mehl aus Eicheln (Frucht des Eichenbaums) oder auch der Zufügung von geriebenem Knollengemüse (Karotten, Kartoffeln). Einige dieser Brotsorten werden auch heute noch zu besonderen Anlässen traditionell in kleinregionalem Umfang hergestellt. Die Formensprache dieser Backwerke ist dabei im Alpenraum zwar vielfältig, lässt sich jedoch auf gemeinsame Grundformen reduzieren: besonders radförmige Brote als Fladen oder Rundbrote, sowie davon abgeleitete, meist kleingebäckmässige Formen überwiegen. So zeigt Dr. Sabrina Walters, dass die Bretzel als typisches Gebäck des Bereiches der Westalpen in seiner Urform aus einem kreisrunden Kleingebäck entwickelt wurde, wie es etwa das „Paarl“, ein paarweise angeordnetes Roggengebäck aus dem Vintschgau (Südtirol, Italien) noch heute darstellt.

Davon ausgehend beschäftigte sich das Arteologische Institut der Freien Universität Izmir in seiner Nachbereitung der Expedition im Pitztal eingehender mit der etymologischen Bedeutung des Morphems „Pitz“, da insbesondere italienischsprachige Studierende die klangliche Nähe zum Begriff der „Pizza“ in den Focus der Aufmerksamkeit rückten.

pizza, etymologie, pitztal 1999, dr. arkadasch, arteologieDas Wort „Pizza“ entstammt den langobardischen Begriffen pizzo oder bizzo (unbelegt, nicht belegt) und entspricht dem deutschen Wort „Bissen“. Zudem kann der Begriff auch im jüngeren orientalisch-semitischen Raum verortet werden, und ist von dort in die griechische Sprache – als „Pita“ eingewandert und in weiterer Folge ins Italienische entlehnt worden. Der älteste Hinweis dieses Morphems findet sich im hebräischen Wort „pat“ (ein Stück Brot, ein Brocken), bzw. gar im mittelägyptischen „bjt“ (Fladen).

Auch wenn sich bis dato die genaue morphemische Entwicklung nicht eindeutig nachvollziehen lässt, so zeigt gerade der Name des „Pitztales“ eine deutliche sprachliche Verwandtschaft mit den Begriffen „Pita“ und „Pizza“, die ansonsten in keinerlei weiteren sprachlichen Entlehnungen im Alpenraum nachvollzogen werden können. Die Schlussfolgerung einer, nicht nur sprachlichen, Beeinflussung dieser Talschaft durch aus dem italienischen Raum stammenden Migrationsbewegung erscheint somit zwingend.