Pitztal, Juli – Oktober 1999, Ausgrabungsprotokoll 23/4
Die „Pitztaler-Sonnenräder“ – so der exakt definierte arteologische Name dieser Steinritzungen – unterscheiden sich zueinander lediglich in ihrer Dimensionierung und der mechanisch-handwerklichen Ausführung, wobei hier, bedingt durch unterschiedliche Grade klimatologischer und/oder botanischer Abnutzungserscheinungen, die jeweiligen Beschreibungen sich einzig an den momentanen Jetztbefund halten können, ohne davon letztendlich gültige Aussagen auf das ursprüngliche Erscheinungsbild ableiten zu können. Selbst die genaue Datierung der Felsritzungen kann lediglich mit dem Arteologischen Zeitalter eingegrenzt werden.
Alle fünf vorgefundenen Pitztaler–Sonnenräder sind in ihren gestalterischen Elementen konform konzipiert und ausgeführt. Die Ritzungen erfolgten mittels der Stein-zu-Stein-Technik: dabei wird zuerst das gesamte Motiv mit Holzkohle oder farbiger Rinde auf den ausgewählten Stein übertragen um anschliessend mit verschiedenen Steinen im Kratzverfahren bis zur gewünschten Tiefe und Form eingekerbt zu werden. Dabei wird mit grobkantigen Handkieseln zuerst die Rohform herausgearbeitet um dann sukzessive mit immer feiner texturierten Steinen und unter Beimengung von Wasser das letztendliche Aussehen zu erreichen.
Drei der fünf Pitztaler-Sonnenräder wurden auf senkrecht stehenden Felsbrocken angebracht, wobei zwei davon in über drei Metern Höhe angebracht wurden. Beim dritten senkrecht angebrachten Pitztaler-Sonnenrad muss aufgrund der Bodenanalyse davon ausgegangen werden, dass sich dieses Abbild ursprünglich gleichfalls in Übermannshöhe befunden hat, da die Bodenbeschaffenheit hier auf über 1,5 m aus angeschwemmten Schottern und einer darauf liegenden Humusschicht die nicht älter als 100 bis 130 Jahre alt ist, besteht. Die organischen Einschlüsse der Schotterschicht belegen, dass diese Schwemmschichten in ihrer ältesten Schicht nicht älter als 500 Jahre sind.
Der Kreisdurchmesser beträgt bei allen fünf vorgefundenen Pitztaler-Sonnenrädern zwischen 27,5 cm und 29,1 cm. Die Ausführung belegt eine sehr präzise Einhaltung der Kreisrundung und damit verbunden ein hohes Mass an handwerklichem Können. Zudem wurde selbst bei natürlichen mineralischen Fremdeinschlüssen und dadurch bedingten kleinräumigen Verwerfungen die exakte Linienführung sehr genau eingehalten. Jedes der fünf Pitztaler–Sonnenräder wird in acht gleichgrosse Kreissegmente aufgeteilt, deren Spitzen sich im gedachten Kreismittelpunkt treffen. Die gesamten Kerbungen weisen eine durchschnittliche Breite zwischen 8 und 9 mm auf und eine Tiefe zwischen 0,5 und 6,1 mm. Diese Bandbreite ergibt sich aus den unterschiedlichen Verwitterungs- und Erosionsszenarien, die nicht nur flächig die gesamte Oberfläche der Pitztaler-Sonnenräder über die Jahrhunderte in Mitleidenschaft zogen, sondern gleichzeitig auch die Kanten der Kerbungen abrundeten oder gar stellenweise absprengten (Frostabsprengungen).
Die zwei horizontal ausgeführten Pitztaler-Sonnenräder weisen auf Grund ihrer Ausrichtung einen wesentlich höhren Grad der Abnutzung auf und sind stellenweise lediglich noch mit Hilfe des Frottagierungsverfahrens erkenntlich. Bei beiden dieser Pitztaler-Sonnenräder zeigt eine Speichenachse, die zudem zusätzlich vertieft ausgeführt wurde, in die Nord-Süd-Richtung. Die Verortung der drei vertikalen Pitztaler-Sonnenräder erschliesst ein gleichschenkeliges Dreieck mit einer Schenkellänge von 126,7 m und zeigt mit seiner Spitze gleichfalls gegen Süden. Die Basislinie verläuft von West nach Ost und wird durch die beiden horizontalen Pitztaler-Sonnenräder in vier weitestgehend idente Streckenabschnitte geteilt.
Vermutungen, dass es sich bei dieser Anordnung um eine kultische Anlage handelt liegen nahe, konnten jedoch bis Dato arteologisch nicht bewiesen werden. Gleichwohl bedingt die durchdachte und exakte Ausführung dieser Felsritzungen und deren geometrische Umsetzung in der Landschaft eine bewusste Absichtlichkeit, die in ihrer Sinngebung eine gewollte Planung impliziert.
Prof. Ernest Schuster spricht in diesem Zusammenhang von einem spätsteinzeitlichem Brotkult, der zeitlich mit den Anfängen der Sesshaftigkeit, bzw. dem Beginn einer halbnomadischen Siedlungsform einhergeht. Laut Schuster wird dieser Ansatz kausal durch die etymologische Nähe des Wortes „Pitze“ zu „Pita“ (griechisch) und „Pizza“ (ital., lateinisch) bestärkt.